Ein Buch von zwei Top-Ökonomen mit Vorschlägen zur Lösung der Euro-Krise, das lässt aufhorchen. Allerdings räumen die Autoren, nach über 100 Seiten, selbst ein, worum es geht: um politische Pragmatik. Die Vorschläge sind getrieben vom Gedanken, dass bei der Konstruktion der Euro-Zone Haftung und Verantwortung nicht ordentlich zur Deckung gebracht wurden und dies dringend geändert gehört: durch glaubwürdige Selbstbindung. Eine "dezentral organisierte Fiskalunion" solle geschaffen werden, mit besserer Bankenregulierung, glaubwürdiger Schuldenkontrolle, Regeln zur Staatenrettung und einem klaren Mandat der EZB.

Das ist so weit ziemlich erwartbar, wenn man die angebotsorientierte Perspektive der Autoren teilt. Alternative Ansätze, die stärker keynesianisch argumentieren würden, werden recht schnell zurückgewiesen – sie lösten das Problem der Selbstbindung nicht. Fragen der sozialen Gerechtigkeit oder kühnere Vorschläge, zum Beispiel eine europaweite Sozialversicherung für Individuen statt für Staaten, werden kaum angerissen. Zu utopisch all dies und politisch nicht umsetzbar.

Nun haben die Autoren recht, dass die europäische Finanzpolitik derzeit nicht auf der Höhe ist, die Politik im besten Fall erreichen kann. Aber man fragt sich unwillkürlich, ob hier nicht idealisierte Technokratie mit realer Politik verglichen wird, also Äpfel mit Birnen. Wodurch würde garantiert, dass die Technokratie funktioniert, dass das deutsche Beharren auf Regeln nicht im Krisenfall von Ländern mit anderen politischen Kulturen beiseitegeschoben wird oder zumindest genauso viel Unmut hervorruft, wie es derzeit der Fall ist? Die wohlwollendste Lesart lautet, dass ein Europa, das im Bereich der Finanzpolitik einige grundlegende Pflöcke eingerammt hätte, wieder in der Lage wäre, sich wichtigeren politischen Themen zuzuwenden – wo dann hoffentlich mehr Mut zu großen Würfen bestünde.

Aber warum das Buch den Titel Der Odysseus-Komplex trägt, bleibt rätselhaft. Odysseus bindet sich selbst, während Becker und Fuest davon ausgehen, dass es ein europäisches Volk (noch) nicht gibt, das sich selbst binden könnte. Es geht den Autoren um etwas anderes: Deutschland solle den unwilligen "Süden" Europas zur Selbstbindung bewegen. Dass auch die Philosophen Adorno und Horkheimer 1944 den Odysseus-Mythos diskutierten, wird einmal knapp erwähnt: Die instrumentelle Vernunft mit ihrem Versuch, die Natur zu unterwerfen, kann zurückschlagen in zerstörerische und selbstzerstörerische Mythen. Aber ist es nicht auch für die heutige ökonomische Vernunft eine Gefahr, wenn sie kaum politisch, sondern technokratisch denkt?

Johannes Becker/Clemens Fuest: "Der Odysseus-Komplex: Ein pragmatischer Vorschlag zur Lösung der Eurokrise"; Hanser Verlag, München 2017; 288 S., 24,– €, als E-Book 17,99 €