Seit Anfang der Woche steht fest, wer den "zweitverrücktesten Job der Republik" übernehmen wird. So hat Ex-Kanzler Gerhard Schröder den Posten des Chefs der Deutschen Bahn einmal umschrieben – nur seinen eigenen hielt er für noch verrückter. Der bisherige Finanzchef Richard Lutz soll Herr der weltweit 310.000 Eisenbahner werden. Er führt das Unternehmen bereits kommissarisch, seit Rüdiger Grube vor sechs Wochen völlig überraschend vom Posten des Vorstandschefs zurückgetreten ist.

Der 53-Jährige arbeitet seit 1994 bei der Bahn, vor allem im Controlling. Er gilt als ruhiger Mensch, "der dem unruhigen Konzern guttun wird", wie ein Mitglied des Bahn-Aufsichtsrats sagt. Anders als der ehemalige Kanzleramtsminister und heutige Bahn-Vorstand Ronald Pofalla, der als Kronprinz Grubes galt, drängte sich Lutz nicht auf und bestätigt damit, was auch schon für seine Vorgänger galt: Bahn-Chef wird am Ende der, mit dem niemand gerechnet hat. Außerdem soll eine Frau in den Bahn-Vorstand einziehen. Ihr Name stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest, im Gespräch sein soll die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Nikutta. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) wird die Entscheidung wohl spätestens am Samstag bei einem für dann geplanten Treffen der Vertreter des Bundes bekannt geben. Kein Geheimnis hingegen sind die Herausforderungen, die auf den neuen Bahn-Chef Lutz warten. Ein Überblick:

1 Der neue Bahn-Chef muss die Züge pünktlicher machen

Sie stellen Meetings auf den Kopf und sorgen für Frust bei Pendlern: unpünktliche Züge. Besonders dann, wenn die Bahn nach der Salamitaktik über das Ausmaß einer Verspätung informiert. Immerhin macht der Konzern bei der Pünktlichkeit Fortschritte. Erreichte im vergangenen Jahr noch mehr als jeder fünfte Fernzug sein Ziel verspätet, kamen im Januar dieses Jahres 82,3 Prozent der ICE- und IC-Züge pünktlich an. Wobei ein Halt der Statistik nach schon dann als pünktlich gilt, wenn die planmäßige Ankunftszeit um weniger als 6 Minuten überschritten wird.

Bald könnte die Quote jedoch wieder wackeln, denn unter dem neuen Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla, der gern der neue Bahn-Chef geworden wäre, wird von Frühjahr an kräftig gebaut. 7,5 Milliarden Euro darf er ausgeben, um Engpässe im 33 332 Kilometer langen Schienennetz zu beseitigen und so die Pünktlichkeit langfristig zu steigern. Noch in diesem Jahr sind die Spatenstiche für 15 Großprojekte geplant. Zu Spitzenzeiten soll es bis zu 850 Baustellen am Tag geben. Mit etwas Glück sorgen die dadurch zu erwartenden Verspätungen dann für pünktlichere Züge in der Zukunft.

2 Er muss die Bahn ins digitale Zeitalter führen

Dienstagmorgen dieser Woche im Zug von Hannover nach Wolfsburg. Der gebuchte Sitzplatz in Wagen 32 ist nicht aufzufinden. Hilfe durch den Zugbegleiter: Doch, doch, sagt der, alles habe seine Richtigkeit. Man befinde sich in Wagen 22, was die Schilder im Wagen auch anzeigten. Nur außen zeige er die Nummer 32. Aha.

Solche Pannen passieren tausendfach bei der Bahn, und das neue Vorstandsressort Digitalisierung wird sich um viel mehr als um diese Kleinigkeiten kümmern müssen. Die Branche verändert sich nämlich stärker als viele andere durch den technologischen Wandel. Lutz’ Vorgänger Rüdiger Grube berichtete der ZEIT nach einer Reise ins Silicon Valley davon: "Was uns sehr überrascht hat, war, dass sich mehr als die Hälfte aller Apps, die gerade im Silicon Valley programmiert werden, mit Mobilitätsthemen beschäftigen."

Das war gerade mal vor einem Jahr. Den neuen Digitalvorstand erwartet also eine gewaltige Aufgabe. Der Bahn als Mobilitätsdinosaurier muss es gelingen, in möglichst vielen dieser Anwendungen eine Rolle zu spielen. Zugleich muss ein Digitalvorstand darüber nachdenken, wie autonom Züge künftig fahren sollen: Die Hoffnung ist, dass ohne Lokführer 20 Prozent mehr von ihnen auf die Schiene gebracht werden könnten, dass weniger Energie verbraucht und der Bahnverkehr sogar pünktlicher würde. Schöner Nebeneffekt: Lokführerstreiks wären dann auch Geschichte.