Die Geschichte der Revolutionen und Revolutionsversuche ließe sich auch als Geschichte von Paaren erzählen, deren Liebe durch den gemeinsamen Kampf beflügelt wird – und umgekehrt. Der deutsche Linksterrorismus ist ohne die Baader-Ensslin-Liaison nicht zu erzählen, die Gründungsphase der Grünen nicht ohne das Powerduo Petra Kelly und Gert Bastian, die Piratenpartei brachte Anke und Daniel Domscheit-Berg hervor. Nicht zu vergessen Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine, denen die Linke eine minimale Milderung ihres Verkniffenheitsimages verdankt.

Die Idee, welche das revolutionäre Paar repräsentiert, ist die Versöhnung von Romantik und Politik. Nur scheitert die schöne Idee doch auffallend oft an der Realität. Eine Straßenbarrikade ist schneller aufgebaut als die Rollenverteilung der Geschlechter abgeschafft. Schon in ihren ersten Briefen an den polnischen Marxisten Leo Jogiches, mit dem sie 15 Jahre lang liiert war, klagt Rosa Luxemburg über emotionale Vernachlässigung. Jogiches hat Affären, sie bearbeitet seine Manuskripte und ist finanziell von ihm abhängig. Ein beklemmend konventionelles, besser gesagt: patriarchales Szenario, das sich unter der Glocke hochmögender Ideale ausbreiten durfte.

Genau das, diese Hartnäckigkeit emotionaler und sexueller Machtverhältnisse, ist es, was Dirk Kurbjuweit in seinem Roman über Emma Herwegh interessiert. Sie lebte von 1817 bis 1904, trat als Aktivistin der 48er Revolution hervor, war mit dem Dichter Georg Herwegh verheiratet und ist der exemplarische Fall einer wahrhaft couragierten Frau, die in ihrer Ehe die seelischen Kosten jener Freiheit bezahlte, für die sie mit dem Gatten auf der politischen Bühne kämpfte. Diese Schieflage fiel schon Zeitgenossen des Vormärz-Paares auf. Heinrich Heine sparte nicht mit Spott, Karikaturen zeigen Emma, wie sie den verängstigten Georg auf einem Pferdewagen vom Schlachtfeld zieht. Denn eben dorthin wagte sich die Berliner Großbürgertochter. Bewaffnet und zu Pferde, als einzige Frau der Truppe, reihte sich Emma Herwegh in die Freiwilligenarmee "Deutsche Demokratische Legion" ein, die 1848 vom Elsass nach Baden zog und im Übrigen kläglich scheiterte. Die gleiche Emma Herwegh erduldet nur zwei Jahre später die sogenannte Herzen-Affäre. Über Jahre hin unterhält Georg Herwegh in Paris eine Amour (keineswegs seine erste und auch nicht seine letzte) mit der Ehefrau des Mitstreiters Alexander Herzen. Der eigenen Ehefrau mutet er dabei die Rolle der verständnisvollen Vermittlerin, ja der Postbotin seiner Liebeskorrespondenz zu.

Den quälenden Kontrast zwischen politischer Unerschrockenheit und persönlicher Unterwürfigkeit arbeitet Kurbjuweit in seinem Roman Die Freiheit der Emma Herwegh so scharf wie überzeugend heraus. Schon die kapitelweise eingeflochtene Rahmenhandlung erledigt jeden Anflug von Verklärung des politischen Paares. Sie spielt im Januar 1894. Emma Herwegh ist verwitwet, 77 Jahre alt, friert und hungert in einer dürftigen Pariser Mansarde. Sie erwartet den Besuch eines jungen Mannes, der sich unschwer als Frank Wedekind erkennen lässt. "Vielleicht leiht er mir Geld", so lautet der erste Satz des Romans. "Wenn er mir zehn Franc gibt, könnte ich überleben, knapp überleben, bis sich Madame Read entschieden hat, ob sie mir fünfhundert Franc leiht." Um den Besucher, der ihr im Sessel gegenübersitzt und ihre letzten Datteln verspeist, in Spendierlaune zu bringen, unterhält ihn Emma Herwegh mit der Erzählung der Herzen-Affäre samt ihren frivolen Details. Da staunt der Poet, der gerade an Lulu arbeitet. Geld allerdings rückt er nicht heraus. Wie aber diese Roman-Ouvertüre die eine mit der anderen Demütigung kurzschließt, die der Liebe mit der wirtschaftlicher Not, das besitzt schon literarische Raffinesse. Und es verrät die zeitdiagnostische Absicht des Autors.

Dirk Kurbjuweit, Jahrgang 1962, zählt als langjähriger Spiegel-Reporter zu den renommiertesten politischen Kommentatoren der Republik. Er ist zugleich, mit nicht weniger Erfolg, Autor einer ganzen Reihe von Romanen. Dies ist sein erster historischer Roman, der nebenher beweist, dass sich journalistisches und literarisches Schreiben keineswegs im Weg stehen. Im Gegenteil: Bis in die Dramaturgie, die Verschränkung dreier Zeitebenen, die gezielte Auswahl von Figuren und historischen Situationen hinein profitiert sein Buch vom fokussierenden Arbeiten des Essayisten und Leitartiklers. Das heißt keineswegs, dass Kurbjuweit nicht anschaulich oder konkret zu erzählen vermöchte. Man hört das Pferdegetrappel im Berliner Tiergarten, hat das preußische Stadtschloss vor Augen, in dessen Nachbarschaft Emma Herwegh als Kind eines wohlhabenden Hoflieferanten aufwächst, man atmet die stickige Luft in den elenden Arbeiterunterkünften der Borsig-Werke, die Emma im Februar 1842 mit ihrem neuen Bekannten Georg Herwegh aufsucht.

Es heißt nur, dass Dirk Kurbjuweit die Geschichte der Revolutionärin und ihrer misslichen, im März 1843 geschlossenen Ehe nicht ihrer geschmäcklerischen Effekte, sondern ihrer grundsätzlichen Aussagekraft willen erzählt. Von Beginn an hat der Roman seinen Gegenwartsbezug im Auge. Wenn man ihm etwas vorwerfen kann, dann eher seine zu deutliche, zu laut mitgedachte Parallele zwischen den Selbstwidersprüchen der 48er- und der 68er-Generation des folgenden Jahrhunderts. Ohne Mühe kann man sich Emma Herwegh als Studentin im Minirock vorstellen, die 1970 an der Frankfurter Uni ihr Herz an einen linken Pseudocharismatiker verliert, der ein oder zwei andere Kommilitoninnen schwängert und dies mit marxistischen Theorien wortreich legitimiert, während sie zu Hause Babywäsche aufhängt und Kerzenwachs von der Tischplatte schabt.

Die Freiheit der Emma Herwegh ist ein erhellender, ein interessanter Roman. Er ist es vor allem durch seine Aktualitätsbezüge. Darin liegt aber auch ein Problem. Denn die Aufgabe, die historische Distanz der Geschehnisse literarisch glaubwürdig zu übermitteln, müssen Erzählstil und Erzählton übernehmen, was nicht durchweg gelingt. Es wirkt mitunter, als habe sich der Autor nicht entscheiden können zwischen der Anverwandlung eines leicht antiquierten, etwas getragenen und einem legeren, heutigen Deutsch. Vielleicht wollte Kurbjuweit beides. Ein solcher Sprachhybrid ist allerdings der Kilimandscharo der Sprachkunst. Den hat er nicht erklommen. Aber egal. Fest steht: Dies ist ein spannend zu lesendes Buch. Fest steht auch: "Sie sind eine verdammt gute Ehefrau" hätte im April 1848 kein Zimmermann zu Emma Herwegh gesagt.

Dirk Kurbjuweit: Die Freiheit der Emma Herwegh. Roman; Hanser Verlag, München 2017; 336 S., 23,– €, als E-Book 16,99 €