Im Netz will jeder recht haben. Es ist Zeit, das Nachdenken neu zu lernen.

Dem Denk-Emoji ist etwas Schlimmes zugestoßen. Sie wissen schon, diesem gelben Gesicht mit hochgezogener linker Braue. Die Hand am Kinn, der Zeigefinger den Mund streichelnd. Die Pose des scharf nachdenkenden Menschen als niedliches Internetgesicht.

Das Symbol sollte eigentlich stehen für: Ich überlege gerade, bitte nicht stören. In der Realität des Internets sieht man das Denkgesicht aber nur selten in einem, na ja, tatsächlich nachdenklichen Tweet. Meist sieht es einen dort an, wo einem aufgewühlten Twitternutzer oder Facebookkommentator eine andere Meinung so gar nicht passt. Wo er einen echten oder vermeintlichen Widerspruch entdeckt hat in einer Position, die er sowieso ablehnt. Und sich genau darüber freut.

"Ökonomisch Abgehängte wählen die AfD. Die AfD aber will Steuern für Reiche senken. DENK-EMOJI."

"Feministinnen wollen die Gleichberechtigung der Geschlechter, diskriminieren aber Männer. DENK-EMOJI."

Die Universitäten bereiten niemanden auf diese Art des Diskurses vor

Wie das unschuldige Denk-Emoji umgedeutet wurde, vom Emblem des philosophischen Abwägens zum Wappenschild des Besserwissers – das verrät viel über die Diskussionskultur in den sozialen Medien. Was früher Grübeln, Neugier, Nachfrage war, ist auf Facebook oder Twitter zu einem einzigen Sprechakt zusammengeschrumpft: Kritik. Feministinnen kritisieren Liberale, Liberale kritisieren Linke, Rechtspopulisten kritisieren das System, Linke kritisieren sich selbst. Islamkritik, Israelkritik, Bahnkritik. "Jeder kritisiert jeden", fasst der Publizist Thomas Edlinger in seinem Buch Der wunde Punkt – Vom Unbehagen an der Kritik die dauerkritische Gegenwart zusammen. Er spricht von einer Inflation "institutionalisierter Rechthaberei". Kritik verkomme "zum leeren Ritual", zum "Selbstzweck".

Was uns als nerviges Hintergrundkritikrauschen in den sozialen Medien schon gar nicht mehr aufstößt, sollte uns eigentlich stutzig machen. Denn noch vor ein paar Jahren beklagten Intellektuelle, das Netz sei ein gänzlich unkritisches Medium, das eine Generation von Jasagern erziehe. Like-Daumen. Gefällt mir! Herzchenstern. Wer zu viel vorm Internet saß, bekam Haltungsschäden – er konnte keine kritische Position mehr einnehmen. Zwar existieren solche Ghettos der Affirmation tatsächlich. Auf Instagram lässt sich zwischen Avocadoaufstrich und Vintage-Wohnzimmertisch keine scharfe Debatte über die Erbschaftsteuer führen.

Bei Facebook und Twitter hingegen schlägt die befürchtete Total-gut-Finderei in ihr Gegenteil um, was nicht minder fatal ist. Wir bemängeln, beanstanden und tadeln so hemmungslos, dass der kritische Geist in unserer innigen Umarmung schon nach Luft schnappt. Gerade das Übermaß an Kritik, das durch unsere sozialen Netzwerke schwappt, verhindert den echten, hilfreichen kritischen Diskurs. Statt in Kritik der reinen Vernunft üben wir uns heute in reiner Kritik ohne Vernunft.

Kein Wunder. Dort, wo wir alle mal den Denkmodus der Kritik gelernt haben, in der Schule und an der Universität, hat uns keiner darauf vorbereitet: dass die sozialen Medien grundlegend verändern könnten, was es heißt, ein kritischer, mündiger Bürger zu sein.

Wer im Jahr 2017 Twitter öffnet oder in Facebookkommentare stolpert, bemerkt sehr schnell die bösen Nebenwirkungen dieser Entwicklung. Erschöpfung, Müdigkeit, Desinteresse, Kopfschmerz und Apathie. Der amerikanische Schriftsteller Jarett Kobek hat dieser Erschöpfung ein Denkmal gesetzt, mit seinem Buch Ich hasse dieses Internet, das vergangenes Jahr für Furore sorgte. Kobek imitiert in seinem Roman nicht nur Tonfall und Aufmerksamkeitsschwäche des Internets, er imitiert die Kritikorgien, die wir jeden Tag in den sozialen Medien feiern. Und Kobek legt seinen Finger in eine besonders schmerzhafte Wunde der zeitgenössischen Kritik: Sie ändert nie etwas. Onlinekritik kostet uns nichts, nur ein paar Sekunden und 140 Zeichen. Aber sie bringt auch nichts. Sonst hätte der Kapitalismus unter all den kapitalismuskritischen Facebookposts längst zusammenbrechen müssen. Im Gegenteil: Mit jedem dieser Posts, so Kobek, verdiene ein Hyperkapitalist im Silicon Valley wieder ein paar Werbedollar mehr.

Besonders Kritik von links leidet online darunter, dass sie nichts bewirkt – oder dass sie sogar die Dämonen erst heraufbeschwört, die man doch eigentlich vertreiben wollte. Ermüdungsbruch durch Dauerkritik lautet dann die Diagnose. Auch deswegen konnte das Netz vor allem den Rechtspopulisten zum Vorteil werden. Die Freunde der offenen Gesellschaft springen zwanghaft über jedes Stöckchen, das die AfD oder Trump ihnen hinhält.

Im Internet richtet sich die Waffe der Aufklärung gegen diese selbst

Dabei ließe sich mit Kritik doch auch haushalten, man könnte sie gelegentlich taktierend einsetzen. Die neuen Rechten schaffen genau das: Sie richten ihre Kanonen der Kritik auf ein gemeinsames Ziel. Das ist nicht selbstverständlich für eine so heterogene Bewegung, in der von Antisemiten bis israelsolidarischen Islamfeinden so viele konträre Meinungen aufeinanderprallen. Und trotzdem zerfleischen sich die Rechtspopulisten nicht in Eigenkritik, wie es unter Linken sorgfältig gepflegtes Brauchtum ist. Als Trump an einem Wochenende Ende Januar den sogenannten Muslim ban in Kraft setzte, zeigte sich auf Twitter ein schräges Bild: Die eine Hälfte der Linken empörte sich und wütete gegen Trumps Plan. Die andere Hälfte der Linken kritisierte nicht Trump, sondern die erste Hälfte. Die Empörung gehe nicht weit genug! Man unterschlage Obamas Mitschuld! Man spiele Greencard-Besitzer gegen Flüchtlinge aus!