Dirk Roßmann lächelt viel in dem Fotoalbum einer Afrikareise, das er im Vorfeld dieses Gesprächs geschickt hat. Grund dazu hat er: Er ist im vergangenen September 70 geworden. Seine Drogeriekette Rossmann mit ihren rund 3.600 Filialen hat im Jahr 2016 rund 8,4 Milliarden Euro Jahresumsatz erzielt. Dass das Unternehmen in den vergangenen Jahren so stark gewachsen ist, verdankt es auch der Pleite von Wettbewerber Schlecker, dessen Gründer Anton Schlecker zurzeit vor Gericht steht.

DIE ZEIT: Herr Roßmann, Sie kennen Anton Schlecker seit Jahren, haben ihn oft getroffen, waren mit ihm befreundet. Was ist er für ein Mensch?

Dirk Roßmann:  Anton Schlecker war über Jahrzehnte der Verführung erlegen, sich mit seinem Erfolg zu identifizieren. Seit der Insolvenz habe ich ihn und seine Familie nicht wiedergesehen. Wie er mit der Insolvenz fertiggeworden ist – ob überhaupt –, kann ich nicht sagen.

ZEIT: Sind Sie dennoch froh, dass es heute einen Konkurrenten weniger auf einem hart umkämpften Markt gibt?

Roßmann: Ja.

ZEIT: Anton Schlecker wird vorsätzlicher Bankrott aus Gewinnsucht vorgeworfen. Er bestreitet das. Wie erklären Sie sich, dass seine Drogeriekette, die zeitweilig mehr Filialen hatte als alle Wettbewerber zusammen, nicht überlebt hat?

Roßmann: Vorsätzlich ist definitiv falsch. Die sich in den letzten Jahren abzeichnende Unternehmenskrise wollte er lange nicht wahrhaben und verdrängte die Realität. Der Durchschnittsumsatz einer Schlecker-Filiale betrug zuletzt nur noch einen Bruchteil von dem der beiden Marktführer dm und Rossmann. Damit verschlechterte sich die Wettbewerbsfähigkeit entscheidend.

ZEIT:   Nach der Pleite von Schlecker sind Ihre Umsätze besonders stark gewachsen – aber Sie haben keine der Schlecker-Filialen übernommen. Warum nicht?

Roßmann: Für uns sind Lage und Größe eines Ladens entscheidend. Entweder war die Lage zu schlecht oder die Fläche zu klein. Von der Schlecker-Tochter "Ihr Platz" haben wir rund 100 Filialen übernommen.

ZEIT: Auch Ihr Unternehmen war schon einmal der Pleite nahe. Weswegen?

Roßmann: Das war 1996, das Unternehmen stand vor dem Konkurs, und privat hatte ich mich an der Börse verspekuliert. Ich bekam einen Herzinfarkt. Das war die schlimmste Zeit in meinem Leben. Unglaublich, dass danach doch wieder alles gut wurde und ich heute sehr zufrieden und dankbar sein kann.

ZEIT: Wie haben Sie diese Wende hinbekommen?

Roßmann: Ich spiele seit vielen Jahren Tennis. Und ein richtiges Spiel beginnt erst, wenn der andere drei Matchbälle hat. Spielen Sie Tennis?

ZEIT: Ich habe jedenfalls mal ein Spiel verloren, in dem ich mit drei Matchbällen vorne lag.

Roßmann: Als Sie vorne lagen? Sehen Sie: Ich fange erst an zu spielen, wenn eine Situation ausweglos ist. Und 1996 war ausweglos: Wir haben in einem einzigen Jahr zwölf Millionen Mark Verlust gemacht, hatten Schulden bis zum Abwinken.

Erfolg mit Aussetzer

So zeichnet Dirk Roßmann, wie sich sein Glück, sein Vermögen, das Ausmaß seiner Achtsamkeit für andere und sein Lesepensum entwickelt haben.

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