Der Elefant ist im Raum – Seite 1

Allmählich bestätigt sich der Verdacht, dass Donald Trump nicht nur ein meisterhafter Beherrscher der TV-, Snapchat-, Twitter-Kultur ist, sondern auch deren stolzes Kind und Produkt. Ein Mann, der alles, was er von der Welt weiß, auf Bildschirmen gesehen hat.

Eine prophetische Rede auf die Herrschaft dieses Mannes wurde schon im Jahr 1976 gehalten. Man kann sie sich ansehen. Sie erklingt nach etwa einer Stunde in Sidney Lumets Film Network, einer amerikanischen Satire auf das amerikanische Fernsehen. Ein Fernsehmoderator namens Howard Beale sagt im Studio zu seinem Publikum: "Gnade uns Gott! Warum? Weil weniger als 3 Prozent von euch Bücher lesen. Weil weniger als 15 Prozent von euch Zeitung lesen. Weil die einzige Wahrheit, die ihr kennt, die ist, die aus dieser Röhre (dem Fernsehen, Anm. d. Red.) kommt. Heute existiert schon eine ganze Community von Menschen, die nie etwas kennengelernt haben, was nicht aus dieser Röhre gekommen ist. Diese Röhre ist das Evangelium, die letzte Offenbarung. Diese Röhre kann krönen und stürzen, Präsidenten, Päpste, Premierminister. Diese Röhre ist die gefährlichste, furchterregendste gottverdammte Macht in dieser gottlosen Welt. Wehe uns, wenn sie je in die falschen Hände gerät, Freunde!"

Die falschen Hände haben, 41 Jahre später, womöglich zugegriffen. Es sind die angeblich kleinen Hände Donald Trumps. Es sind die Hände eines Mannes, der das Wesentliche, was er von der Welt weiß, über die er nun herrscht, aus dem Fernsehen kennt – und der mit diesem Wissen zur Tat schreitet.

Network, geschrieben von dem großen, zornigen Dialogmeister Paddy Chayefsky, ist ein prophetischer Film. Man kann zwar nicht sagen, dass darin eine Figur wäre, die als ein Trump-Vorläufer erschiene und sich aus dem Film herausschälte wie aus einem Versteck, in dem sie sich jahrzehntelang verborgen hielt. Es ist eher das Zusammenspiel von drei, vier zentralen Figuren, das einem die Augen öffnet für die heutige Lage. Das Spiel erscheint wie die Skizze einer Katastrophe. Seine Protagonisten arbeiten fürs amerikanische Fernsehen, in einem Business, dessen Ziel es ist, die Komplexität des angebotenen Contents und die Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer zu verringern.

Es gibt darin eine Programmdirektorin (Faye Dunaway), die erkennt, dass das frustrierte, von kollektivem Gesichtsverlust (Vietnam! Watergate!) gebeutelte und von Drogen- und Alkoholmissbrauch zerrüttete amerikanische Volk nach "zorniger" Unterhaltung verlangt. Ihren Redakteuren sagt sie: "Ich will Antikultur. Ich will Anti-Establishment-Programme."

Zu ihrem Glück gibt es im eigenen Sender einen Mann, der diesen Zorn zu entfesseln vermag. Es ist der frustrierte, soeben entlassene Starmoderator Howard Beale (Peter Finch). Beale ist ein durchdrehender, zur Selbstvernichtung entschlossener Mann, der seine letzten Lebenstage und Sendeminuten dazu nutzen will, seine Landsleute wachzurütteln. Wie er das macht? Twitter gibt es leider noch nicht. Also nähert er sich der Studiokamera und brüllt hinein: "Ich will, dass ihr jetzt alle ans Fenster geht, es aufreißt und hinausbrüllt: Ihr könnt mich alle am Arsch lecken! Ich lass mir das nicht mehr länger gefallen!" (Im Original: "I’m as mad as hell! I’m not gonna take this any more!") Um die Nöte des Landes werde man sich später kümmern, sagt Beale dann noch, jetzt müsse erst mal gebrüllt werden! Und was passiert? Millionen Menschen öffnen ihre Fenster und brüllen "Ich lass mir das nicht mehr länger gefallen! Ihr könnt mich alle am Arsch lecken!" in den Abendhimmel.

Beale begreift, dass er die Wut des Volkes steuern kann, als spiele er eine Orgel. Sobald er brüllt, fährt ein Schrei durch Amerika, die Ventile und Klappen eines riesigen Instrumentes öffnen sich: A fine-tuned machine erklingt. Zuschauer von heute spüren: Der Moment, da sich die Macht jubelnd über ihre demokratische Legitimation erhebt, ist schon recht nahe.

Amerika handelt! Wir sehen Menschen, die aus ihrem Fernsehsessel aufstehen und einen Wutschrei in die Nacht schicken. Wohlgemerkt: Sie alle bleiben in ihren Wohnzimmern, äußerstenfalls wagen sie sich auf die Feuertreppen und brüllen in die Tiefe. Auch hierin ist der Film prophetisch: Er zeigt einen Insassenaufstand, keinen Straßenaufstand. Zwischen den brüllenden Massen und dem brüllenden Howard Beale steht (und entsteht) nichts. Sie trennt nur das Äußerste: ein Bildschirm.

Diplomatie ist eigentlich das Schauspiel der gelungenen Selbstzügelung

Donald Trump im Januar 2017 in Philadelphia © Bill Clark/​Pool/​Getty Images

Der Regisseur Sidney Lumet zeigt uns nun einen städtischen Innenhof, auf den sich Hunderte von Fenstern öffnen. Das Gemäuer hallt von Menschengeschrei. Eine ähnlich unheimliche Hinterhofsituation kennt man von Alfred Hitchcock: Rear Window. Bei Hitchcock war der Blick aus dem Fenster in die Nachbarschaft geprägt von Neugier und schließlichem Entsetzen: Es gibt einen Mörder unter uns. In Network stellt sich heraus: Es steckt in uns allen eine Bestie, ein zorniges Kollektiv, welches nur auf Befehl von oben beziehungsweise von vorne – vom auf uns einbrüllenden Wutgesicht – zu mobilisieren ist. Man könnte auch sagen: Es versteckt sich tief im Gemäuer der Städte die Lust, einem völlig verantwortungslosen Feldherrn wider die bestehenden Verhältnisse nachzulaufen.

Mühelos ist aus Howard Beales Gebrüll die glückselige Hass-Losung der Trump-Anhänger zu Wahlkampfzeiten herauszuhören: Lock her up! Ins Gefängnis mit allen, die uns beherrscht haben! In dieser Szene hat man das ganze Ressentiment-Theater, das Trumps Regierung entfesselt – ein Mann erklärt die Misere, in der das Land steckt, zu einer Folge dessen, was "zuvor" geschah, kurzum: Alles Bisherige war Korruption.

Lustigerweise ist Howard Beale, dieses kernige Produkt der siebziger Jahre, auch ein Araberfeind. Den Scheichs, sagt er in einer seiner TV-Ansprachen, gehöre schon halb Amerika. Deshalb fordert er sein Publikum auf, das Weiße Haus mit Telegrammen zu fluten, damit der drohende Verkauf seines Senders an die "Saudis" verhindert werde. They – also jene da drinnen im Weißen Haus – sollen ertrinken in Telegrammen (und was ist ein Telegramm anderes als der Vorläufer eines Tweets?). Politik als Überfall? Beale zeigt, wie man es macht.

Diplomatie ist eigentlich das Schauspiel der gelungenen Selbstzügelung. Mustergültig sind in dieser Hinsicht die Auftritte Angela Merkels: Sie lässt ihr öffentliches Handeln wie eine Folge von abkühlenden, affekthemmenden Akten des Innehaltens wirken, darin beständig wie eine Uhr, deren Bewegung ja auch aus Momenten der Hemmung besteht (dem sechzigmal pro Minute stehen bleibenden Sekundenzeiger).

Im Gegensatz dazu wirkt Trump, Howard Beales gelehriger Schüler, wie ein Herold aus der Welt der Breaking News, des Alarms, des Es-muss-heraus. Bei ihm ist Diplomatie nicht abkühlend, sondern aufkochend – eine flatternde Bemäntelung von unstillbarer Rachlust: Wir werden jene zur Verantwortung ziehen, die uns in diese Lage – this mess – gebracht haben.

Es ist gerade nicht die Hemmung, die Trump vorführt, nicht das dauernde tongue in cheek, nicht das diplomatische Übersehen des elephant in the room (das Sprichwort meint mit dem Elefanten das unausgesprochene Problem, das die politische Lage bestimmt, aber nicht erwähnt wird). Bei Trumps Auftritten steht der Elefant als Begleiter im Raum, er ist Trumps Wappentier: Es ist der offene Hass auf den Gegner, die Lust, ihn zu vernichten. Wie zum Training spielt Trump auch mit dem Hass, der während seiner Pressekonferenzen im Raum entsteht: Rein gestisch sind solche Auftritte Dirigate eines Maestros, der unter seinen Musikern einen Attentäter vermutet und dem Mörder zuvorkommt, indem er immer zuerst schießt.

Trump nennt zwar Orson Welles’ Citizen Kane als seinen Lieblingsfilm, aber er muss Network und seinen Hauptdarsteller, den großen Peter Finch, studiert haben. In diesem Film steckt auch eine große Ladung Medien- und Menschenkritik, die Donald Trump aber vermutlich eher egal ist. So konstatiert Howard Beale, dass die Bürger der USA, da sie nun mal im fortschrittlichsten aller Länder leben, auch schon am weitesten vorangekommen seien auf dem uns allen vorgebahnten Weg in die Leblosigkeit: Die Amerikaner hätten sich unter dem Einfluss des Fernsehens in wertlose humanoide "Körper" verwandelt. Beales Befund wird an anderer Stelle im Film szenisch bestätigt: Als die von ihrem Beruf besessene TV-Programmchefin eine Affäre mit ihrem geschassten Vorgänger (William Holden) hat, bittet dieser sie, ihn mit all seinen Mängeln zu lieben – worauf sie stutzt, Tränen steigen ihr in die Augen, und sie murmelt: "Ich weiß nicht, wie man das macht." Warum nicht? Weil, so erklärt es sich Holdens Figur, die TV-Frau einer Generation angehöre, die alles Wesentliche über das Leben von Bugs Bunny gelernt habe.

Ein Gefühl der Wehmut

Kleine Abschweifung: In Georg Seeßlens soeben erschienenem Buch Trump! Populismus als Politik wird der grinsende Dandyhase Bugs Bunny als ein mögliches Charaktervorbild Donald Trumps genannt – ein unberechenbares Tier, welches seinen Feinden zum Geschenk Karotten überreicht, die in den Händen der Beschenkten explodieren.

Bugs Bunny? Warum nicht? Trump liebt den Hasen bestimmt. Und im verzweifelten Versuch, die amerikanische Regierung zu verstehen, sucht man überall nach vorausahnenden Erzählungen: Wo wurde angekündigt, was nun passiert? Natürlich will man durch das Studium solcher Erzählungen auch herausbekommen, wie die derzeit stattfindende Geschichte enden könnte ...

Network entwickelt seine volle prophetische Wirkung erst in dem Moment, als dem genial-irren Moderator Howard Beale jener Mann begegnet, der über dem ganzen Medienkomplex schwebt: sein oberster Boss. Es handelt sich um einen kompakten, ebenfalls wütenden Herrn namens Mr. Jensen (Ned Beatty), dem der Konzern gehört, in dem Beales TV-Sender nur ein defizitäres Segment ist. Mr. Jensen erklärt dem entsetzten und faszinierten Beale in einer mephistophelischen Sequenz, dass die Wirklichkeit nur eine Luftspiegelung sei. Es gebe keine Nationen und natürlich auch kein Amerika mehr, es gebe nur noch Konzerne und Geld, kurzum: Business. Dieser Mann, Jensen, erwählt den TV-Prediger Howard Beale zum Verkünder seiner Lehre.

Wenn wir uns daran erinnern, dass Trumps sinistrer Berater Steve Bannon sagt, der Staat müsse zurückgebaut werden, und Amerika steuere auf einen reinigenden Krieg zu, so fällt es nicht schwer, in ihm einen Mr. Jensen unserer Tage zu erkennen. Bannon, so scheint es, denkt in jeder Hinsicht weiter als der Präsident, den er berät: Er tritt nicht wie dieser mit der Attitüde auf, eine Bande korrupter Vorgänger zu entlarven und davonzujagen. Nein, ihm ist die ganze Welt ein Korruptionszusammenhang, der zerschlagen werden muss. Es kann nur gut werden, wenn alles so, wie es jetzt ist, vernichtet wird.

Man sieht den Film Network, selbst wenn man die Zeit gar nicht erlebt hat, aus der er stammt, mit einem Gefühl der Wehmut: als seien die Abgründe, in die man damals blickte, tröstlicher und humaner gewesen als jene von heute – nämlich erleuchtet von sarkastischem Witz. Man bewundert die Seelentiefe und gnadenlose Selbsterkenntnis, die noch in den verworfensten Figuren von Network herrschen. Dann blickt man auf – und sieht das Personal, das angetreten ist, die satirische Prophezeiung von damals in diesem Augenblick zu erfüllen. Der aktuelle US-Präsident hat, wenn man das aus der Distanz eines Twitter- und YouTube-Beobachters sagen kann, nicht das Format, eine Network-Figur zu sein. Er könnte diesem Film nicht entsprungen sein. Aber er ist das Produkt der Verhältnisse, die Network zeigt (Siegfried Kracauer hat gesagt, die Operette sei entstanden, weil das System, das sie hervorbrachte, operettenhaft war; was würde er wohl über das System sagen, von dem Trump hervorgebracht wurde?).

Auch Howard Beale ist nicht wie Trump; aber er sieht ihn während eines klaren Moments als Erscheinung voraus – und bricht in seiner Live-Show entsetzt zusammen.

Am Ende von Network wird Beale übrigens erschossen – wegen schlechter Zuschauerquoten. Das Volk verliert das Interesse an seinen Ausbrüchen. Also lassen seine Bosse ihn auf offener TV-Bühne hinrichten. Hätte er gute Quoten gehabt, so die bittere Logik des Films, wäre es ihm also gelungen, die Amerikaner dauerhaft zu faszinieren, dann hätte man ihn gewähren lassen, und er wäre noch viel größer herausgekommen – vielleicht als der nächste Präsident Amerikas. Aber Beale erschien in seinem Wahnsinn zu verzweifelt, zu genial, zu warmherzig. Und Amerika war wohl damals noch nicht weit genug.