François Fillon twitterte am Dienstagmittag noch: "Vive la chasse", es lebe die Jagd! Der französische Präsidentschaftskandidat besuchte den nationalen Jagdverband, eine wichtige Station, wenn man sich zur Wahl stellt. Doch all seine Versuche der vergangenen Wochen, den Wahlkampf zu normalisieren, haben nicht gewirkt: Eine Stunde später wurde öffentlich, dass ein Ermittlungsverfahren wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder gegen ihn geführt wird.

Dieser Wahlkampf ist nicht normal, und es geht nicht um Jagdlizenzen. Es geht um die Zukunft Europas. Sie hängt am seidenen Faden, was nichts weiter als eine nüchterne Beschreibung der Verhältnisse ist. Gegen die Frau, die Europa zerstören und der Xenophobie Verfassungsrang verleihen will, treten an: ein Mann, über den man derzeit wenig mehr Gutes sagen kann, als dass für Angeklagte die Unschuldsvermutung gilt. Außerdem ein Politiker ohne Partei, der diesen Beruf seit knapp drei Jahren ausübt und dessen Kampagne so klein ist, dass seine Mitarbeiter Mails von ihren privaten Konten verschicken. Wie konnte es so weit kommen?

Die Kandidaten werden sich dieselbe Frage stellen. Nicht Marine Le Pen, die von ihrer Außenseiterposition die Schwächen Frankreichs genau studiert hat, um sie für ihre Interessen zu nutzen. Dafür ist Fillon umso verwunderter über die Vorwürfe, die man ihm macht. Als jetzt bekannt wurde, dass ihm ein Gönner zwei Maßanzüge für 13.000 Euro geschenkt hatte, sagte er: Ja nun, was ist dabei? Dass es für einen Staatsdiener fragwürdig ist, sich so teuer zu kleiden, und es ohnehin etwas leicht Würdeloses hat, wenn ein erwachsener Mann sich Klamotten schenken lässt – sei’s drum. Wirklich beunruhigend ist, dass Fillon sich in der Blase wähnt, die längst geplatzt ist: die, in der man glaubte, Politik zu machen, ohne dass es um etwas Größeres ginge als die eigene Laufbahn.

Und Emmanuel Macron? Vor einigen Monaten, heißt es, saßen er und drei Freunde zusammen, vor ihnen ein leeres Blatt Papier, als sie beschlossen, er solle antreten. Warum auch nicht? So eine Kandidatur ist ein schöner Karriereschritt für einen begabten jungen Mann. Jetzt scheint seine oft ernste Miene den Wunsch zu verraten, von seinem persönlichen Erfolg hinge nicht auch noch die Zukunft Europas ab.

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