Der Rowohlt Verlag litt unter einer Programm-Architektur, die den tüchtigen und branchenweit angesehenen Vertretern belanglose Hoffnungsträger im Bereich Belletristik und Sachbuch neben profunden Titeln ins allzu schwere Reisegepäck steckte. Der Ruf eines "Gemischtwarenladens" war nicht unverdient – von der Vielfalt des Taschenbuchprogramms ganz abgesehen. Es galt darum, die Unterhaltungsliteratur in ein eigenes Programm auszugliedern. Als der Stuttgarter Wunderlich-Verlag zum Verkauf stand, war der Name für den neuen Imprint gefunden.

Kurz nach meinem Antritt in Reinbek war die junge Germanistin Jacqueline Sichler zum Verlag gestoßen. Der Cheflektor Hans Georg Heepe überließ ihr die Lektüre ungefragt eingeschickter Manuskripte – den slush pile, wie er in Amerika genannt wird. Eine Strafarbeit. Frau Sichler war nicht nur fleißig und intelligent, sondern auch sehr schön anzusehen: Das halbe Lektorat verliebte sich in sie. Als Ledig sie bei einem seiner Besuche auf dem Flur traf, fragte er mich: "Was hast du denn da für eine Orchidee angestellt?" Sie war mehr als das, mehr, als der alte chauvinistische Zeitgeist einzuräumen bereit war. Nachdem einige ihrer Vorschläge gescheitert waren, eines jener halb verwaisten Manuskripte zu drucken, drohte sie schriftlich mit ihrer Kündigung – falls ich nicht dieses eine umfangreiche und herzerwärmende Buch von einer gewissen Rosamunde Pilcher ins Programm nehmen würde. Es hieß Die Muschelsucher und erschien im Wunderlich-Programm. Den Verlag hat die Autorin mitsamt ihren Nachfolgebänden in Millionenauflagen über viele Jahre hinweg finanziell vielleicht nicht "gerettet", so doch Möglichkeiten eröffnet, die sonst nicht finanzierbar gewesen wären – zum Beispiel die Gesamtausgaben von Vladimir Nabokovs, Jean-Paul Sartres oder Kurt Tucholskys Werken. Ohne Jacqueline Sichlers Gespür hätten sie nicht erscheinen können. Ich bin ihr bis heute von Herzen dankbar, und die Millionen Zuschauer der TV-Pilcher-Serien sollten es auch sein.

Vielleicht gelingt es nur englischen Schriftstellerinnen, die realen Herz-und-Schmerz-Erfahrungen des (weiblichen) Lebens mit jener milden, halbironischen Distanz zu schildern, die durch Ausblicke in die britischen Gartenlandschaften zum Träumen einlädt. Dass je eines ihrer Bücher mit einer Hochglanzrezension beehrt worden wäre, ist mir nicht in Erinnerung. Doch derlei Millionenauflagen sind das Geheimnis der sogenannten Mischkalkulation, die inzwischen für Großverlage lebenswichtig geworden ist. Pilcher wusste das, und ihre Agentin in Oxford wusste es auch. Ihre Honorare hielten Schritt mit den Auflagen.

Als ich mit der herzerfrischend fröhlichen Autorin einmal durch die Schlösserlandschaft von Schleswig-Holstein fuhr, als wollte ich ihr zeigen, dass auch "wir" einst aristokratische Existenzformen vorzuweisen hatten, strahlte sie angesichts der schwarz-weißen Kühe, lauter Holsteinern, die ihr so exotisch vorkamen wie das Rätsel ihres Erfolgs "amongst the Germans". Sie hatte im Krieg gedient wie ihr Mann. Befragt, was er denn so treibe, sagte sie: "Er spielt Golf. Immer nur Golf." Das klang nicht nach Liebe, sondern nach einer erfolgreichen Arbeitsteilung.

Ein anderer Autor von der Insel, Stephen Hawking, entpuppte sich als nächster Glücksfall für den Verlag. Das englische Manuskript seiner Kurzen Geschichte der Zeit hatte ich zuerst fasziniert, doch alsbald mit wachsendem Unverständnis gelesen. Mein Sohn Felix hingegen, dessen logische Fähigkeiten und mathematische Kenntnisse die meinen bei Weitem überstiegen, las den umfangreichen Text und empfahl mir, ihn ins Programm zu nehmen. Der Spiegel annoncierte das Buch mit einem Titelbild, das den Autor im Rollstuhl durch das Weltall segelnd vorführte. Mir kam das grenzwertig vor, doch dem Verkauf des Buches stand es nicht im Weg, im Gegenteil. Dass der Autor die Existenz eines Weltenschöpfers leugnete, schien sich nicht bis in den Vatikan herumgesprochen zu haben. Der schwer verständliche Clou seines Buches – nämlich dass es keine Ursache des Kosmos gibt, sondern dass er einfach eines Tages "ist" – könnte Hunderte Jahre angestrengter Theologie obsolet machen, wollte man dem Astrophysiker glauben. Man lud ihn zu einer päpstlichen Audienz ein. Um ihn zu bekehren? In der Tat fiel es auch seinem deutschen Verleger schwer, nach Lektüre des Buches dessen Inhalt zusammenhängend zu referieren. Andererseits: 1,5 Millionen Käufer können nicht irren. Das Buch stand wie ein Fixstern mehr als ein Jahr lang auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste.

Unter den Titeln des Rowohlt Verlags der achtziger Jahre sollte ein Buch der stellvertretenden Museumsleiterin der Auschwitz-Gedenkstätte, Danuta Czech, zur merkwürdigsten Erfahrung meiner Arbeit in Reinbek führen. Ein Berliner Handelsvertreter, den es jahrein, jahraus nach Auschwitz zog, wo er "Sühnearbeit" leistete, weil sein Vater ein hochrangiger NS-Funktionär im Rheinland gewesen war, hatte mir Czechs polnisches Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau vorgestellt. Der freie Lektor Charles Schüddekopf machte sich zusammen mit einem Übersetzer an die monatelange Arbeit. Die Mehrzahl der Dokumente war deutscher Herkunft und stammte aus den Archivbeständen der SS.

Jener Vertreter aber bestand darauf, ein Vorwort zu schreiben, dessen seltsamer Tonfall mich stutzig machte. Es war nicht druckbar. Ich besuchte ihn in seiner Villa in Berlin-Dahlem. Vor dem Haus stand ein in olivgrüner Tarnfarbe lackierter Landrover. Im Flur luden mehrere drastische polnische Plakate zum Besuch der KZ-Gedenkstätte in Auschwitz ein: Berge von Schuhen, Haaren und Brillen. Über dem Wohnzimmersofa hing eine meterlange Luftaufnahme der Baracken des Vernichtungslagers, die von den sowjetischen Befreiern stammte. Diese ungeheuerliche Landschaft des Menschheitsverbrechens als Wohnzimmerdekoration schien mir eine unergründliche Obsession des Mannes zu illustrieren. Als ich ihm sagte, dass ich den amerikanischen Historiker Walter Laqueur gebeten hätte, an seiner Stelle ein Vorwort zu schreiben, brach es aus ihm heraus: "Was? Dieser kleine Jude aus Breslau? Dann ziehe ich meine Herausgeberschaft zurück!" So geschah es. Wer war dieser Mann? Was trieb ihn an? Ich floh aus dem Haus.

Der viel zu früh gestorbene Lektor Schüddekopf war es auch, der mich auf die Holocaust-Historiker Christopher Browning (Ganz normale Männer) und Ian Kershaw (Der NS-Staat) aufmerksam machte. Daniel Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker lehnte ich ab, weil mir seine These nicht einleuchtete, dass die Deutschen über den quasigenetischen Code eines "eliminatorischen Antisemitismus" verfügten.