Ausrufezeichen in Buchtiteln halte ich für ein bisschen aufdringlich, das klingt nach "Kauf mich!". Andererseits formulieren die neuen Bestseller von Horst Lichter (Keine Zeit für Arschlöcher!) und dem ehrwürdigen Michail Gorbatschow (Kommt endlich zur Vernunft – Nie wieder Krieg!) Thesen, an denen inhaltlich nichts auszusetzen ist. Man kann die beiden Titel sogar mixen, wie Campari und Orangensaft. "Keine Zeit für Krieg!" und "Nie wieder Arschlöcher!" sind nämlich auch Lebensziele, mit denen sich fast jeder gut identifizieren kann. Das Gleiche gilt für die Bestseller Das Kind in dir muss Heimat finden und Du kannst schlank sein, wenn du willst. Du kannst Kind sein, wenn du willst, und wenn der Dicke in dir Heimat gefunden hat, Platz ist ja genug, dann ist es endlich vorbei mit der Kalorienzählerei. Lebenshilfe schreibt sich gar nicht so schwer.

Sehr erfolgreich ist ebenfalls Die Menschheit schafft sich ab von Klaus Kamphausen und Harald Lesch, es geht um den ökologischen Weltuntergang. Ein bisschen rosstäuscherhaft wirkt allerdings die Nähe des Titels zu Thilo Sarrazins Mega-Monster-Seller Deutschland schafft sich ab. Sicher haben etliche Käufer das Menschheits-Buch versehentlich erworben, weil sie es für den zweiten Teil hielten – heute schafft sich Deutschland ab und morgen die ganze Welt. Teil drei müsste dann wohl Die Milchstraße schafft sich ab heißen.

Sarrazin hat dem Buchmarkt wirklich dauerhaft gutgetan. Inzwischen blüht das neue Subgenre des Anti-Sarrazin-Sellers, mit Titeln wie Deutschland schafft sich ab?, Schafft Deutschland sich ab? oder Die Albträume des Dr. Thilo Sarrazin. Im Filmbusiness kennt man das Split-off, da wird ein Seitenaspekt oder eine Nebenfigur eines Blockbusters zum eigenständigen Film aufgeblasen. Es versteht sich von selbst, dass es längst Sarrazin-Split-offs gibt, in denen es um die Abschaffung einzelner Teile von Deutschland geht, etwa Die deutsche Sprache schafft sich ab oder Schafft sich die katholische Kirche ab?. Das kommt bestimmt bald in den Regionalverlagen an, mit dem Titel Dortmund schafft sich ab kann man nicht viel falsch machen, das wird sich auch auf Schalke gut verkaufen. Hinweis am Rande: Die sehr lesenswerte Roman-Trilogie Abschaffel von Wilhelm Genazino handelt nur indirekt von Sarrazin.

Ein Bestseller, den ich empfehlen kann, heißt Homo Deus, er stammt von dem israelischen Historiker Yuval Noah Harari. Sein Thema ist die Zukunft. Harari unterscheidet sich in seiner Tonlage wohltuend sowohl von den Untergangspropheten als auch von den Hurraoptimisten. Die Menschheit hat, so Harari, die Geißeln Hunger, Krieg und Krankheit heute besser im Griff als jemals zuvor. Das alles gibt es natürlich noch. Aber nie in der Geschichte mussten zum Beispiel, in Prozenten, so wenige von uns verhungern wie heute. Und wenn das passiert, dann sind meistens skrupellose Herrscher schuld, Hunger müsste nicht sein. Harari öffnet die Augen dafür, wie groß der Anteil der Forscher an Fortschritt und Lebensqualität ist und wie gering oder sogar kontraproduktiv die Wirkung von politischen Heilslehren. Wenn er über die Entwicklung der künstlichen Intelligenz schreibt oder über Körperoptimierung, kriegt man gerade deshalb Angst. Ein Totalitarismus wird möglich, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Homo Deus liest sich wie das wissenschaftliche Begleitbuch zum Überraschungs-Bestsellerroman dieser Monate, zur Wiederauflage von George Orwells 1984.