Amerikanische Soldaten stürmen einen Konzertsaal. Sie tragen Gewehre, an denen Scheinwerfer befestigt sind; mittels Sprechfunk sind sie an die Befehle und die Übersicht einer fernen Zentrale gebunden. Vorsicht ist geboten: Welches Monster haust in diesem Saal? Endlich kommt das Kommando: Building clear! Die Eindringlinge entspannen sich; der Feldpfarrer entdeckt die Orgel des Konzertsaals und beginnt, Bach zu spielen. Es ist aber leider doch noch jemand im Gebäude: eine Putzfrau. Sie zückt ein Gewehr und erschießt die Fremden. Allerdings, zwei von ihnen lässt sie vorerst am Leben: den Mann an der Orgel und eine Kriegsreporterin, die embedded den Angriff der Soldaten begleitet hat.

So beginnt Just Call Me God, ein Stück des österreichischen Autors und Regisseurs Michael Sturminger, das jetzt in Hamburg uraufgeführt wurde und von dort aus auf Europatour geht. Es handelt von den letzten Stunden eines vom Westen erzogenen und geduldeten Tyrannen namens Satur Diman Cha, der sein Land, eine Republik namens Circassia, 34 Jahre lang im totalitären Klammergriff gehalten hat und endlich von den Amerikanern beseitigt wird: Satur, der zu Beginn als Putzfrau verkleidet war, ist ein Mischscheusal aus allerlei Diktatoren, man könnte ihn auch Saddafi nennen.

John Malkovich, der in vielen seiner Filme einen genial am Gemeinsinn vorbeipeilenden Soziopathen spielt, legt den Diktator als maliziöse, furchtlose Großechse an, die mit Genuss die beiden letzten Beutetiere ihres Lebens verspeisen wird. Während Satur den Pfarrer zum Orgelspiel zwingt, erfüllt er der schönen Reporterin (Sophie von Kessel) ihren Wunsch, er möge ihr, vor laufender Kamera, seine Sicht der Welt erklären. Aus dem Interview wird ein Flirt auf der Horrorklinge, und immerzu tönt, alles überwölbend, die Wahnsinnsorgel des um sein Leben improvisierenden Musikanten (Martin Haselböck, der Komponist des Abends).

Schauplatz des Spiels soll ein unterirdischer Konzertsaal in der Wüste sein, tatsächlich sind wir aber nah am Wasser, in der Elbphilharmonie, im Großen Saal, wo nun zum ersten Mal ein Theaterprojekt gezeigt wurde. Just Call Me God ist ein Kammerspiel mit Zug zur Welterklärung, eine Psycho-Angelegenheit in bombastischer Umgebung. Man denkt an Stücke von Dürrenmatt, aber auch an die finalen Szenen aus Bond-Filmen, wenn der irre Welteroberer in seiner Machtzentrale, also irgendwo im Inneren eines Gebirges/Eisbergs/Atolls, sein Ende gemütlich hinauszögert, indem er seinen Verfolger quält. Ohne Malkovich wäre alles nichts: Das Stück ist ein Tourneevehikel mit einem irrlichternden Weltstar an der Spitze, einem grandiosen Bestiendarsteller, der großteils monologisch über eine Bühne gleitet, die von früh erschossenen Komparsen bedeckt ist. Auf sie richtet das Publikum beklommen den Blick: Bekommen sie genug Luft unter ihren Leichentüchern? Der Tyrann hat offenbar denselben Gedanken. Gegen Ende des Abends, ehe er selbst fällt, betrachtet er die Toten und sagt lächelnd: "Sie scheinen glücklich zu sein."