Das "Wir" im Namen Wir sind Helden hatte Signalwirkung. Mit dieser Band erlebte Deutschland in den nuller Jahren nicht nur sein Pop-Wunder, mit dieser Band konnten nachdenkliche Jugendliche ihr Unbehagen am Konsum verarbeiten. Helden-Sängerin Judith Holofernes wurde als Stimme der Aufrichtigkeit durch die Feuilletons gereicht, mischte sich im TV-Talk, als Bloggerin und Autorin von Magazinbeiträgen in die politische Diskussion ein.

Als die Helden sich 2012 abgekämpft in eine ungewisse Pause verabschiedeten, wusste Judith Holofernes nicht, ob sie eine Solo-Platte aufnehmen oder ein Buch schreiben wollte. Längst hat sie beides getan. Ich bin das Chaos ist ihre zweite Albumveröffentlichung, und das "Ich" im Albumtitel sollte nicht irritieren: Die Sängerin nimmt das Publikum wieder an die Hand und steppt mit ihm über die Bühne der alltäglichen Verwerfungen, hey, wie fühlt sich das an in der "wackelnden Welt" da draußen? Auch wenn intensiv das Hier und Jetzt reflektiert wird, liegt diese musikalische Kost nie schwer im Magen.

Der Schiller-Beethoven-Klassiker Freude, schöner Götterfunken wird bei Holofernes zu Oder an die Freude. Die Sängerin schmettert ihre ersten Verse inmitten eines Chors, den man direkt ins Kabarettprogramm der ARD schicken möchte: "Freude, schöner Götterfunken / Tochter, mach dein Physikum! / Wir betreten feuertrunken / Eigenheim, o Eigentum!" Zur Erhellung der Gegenwart hat die Künstlerin die großen Ahnen aus der Kulturgeschichte ins Programm bestellt. So lassen sich inzwischen Erwachsene gerne abholen.

Solche launigen Freudengesänge kontert Holofernes mit reichlich Melancholie im nächsten Song. Er erzählt Die Leiden der jungen Lisa und von der Strahlkraft der Zerstörung. Judith Holofernes säuselt hier arg schön: "Lisa, du leidest so gern, und dein Leiden ist besser als Fernsehen." Der im Songtitel mitgedachte Werther lugt als literarische Extremvorlage um die Ecke, doch die Liedautorin Holofernes weist ihrer darbenden Protagonistin schon Wege aus dem Schlamassel (Arschlochfreund rauswerfen, Callcenter-Job schmeißen).

Diese Platte wippt zwischen Ernst und Wahnsinn, zwischen Rockabilly-Trash und Philharmonie-Pop hin und her – vielleicht ist das das Ergebnis der anregenden, zum Ende offenen Zusammenarbeit mit dem färingischen Songwriter Teitur. Judith Holofernes zwinkert uns zu: Wir kommen schon klar im Chaos.

Judith Holofernes: Ich bin das Chaos (Därängdängdäng Records/Embassy of Sound)