Wer bin ich, und wenn ja, wie viele – so heißt bekanntlich das Erfolgsbuch eines Philosophen, und so summen es die Karnevalisten aller Länder und Zeiten vor sich hin. Sie kehren das Oberste zuunterst, verwandeln sich in jemand anderen und spotten der Autoritäten und Identitäten. Dass manchmal die Mächtigen selber als Clowns oder Schelme oder Trickster auftreten, macht die Sache schwieriger, aber nicht unlösbar. Wofür gibt es denn die schönen Künste! Die Literatur zum Beispiel, die die Regeln des Alltags und die Konventionen des Erzählens selbst in Turbulenzen versetzt. Einer gewissen karnevalistischen Unbekümmertheit, eines Überschwangs bedarf es allerdings für die ästhetische Anarchie. Dieses anarchische Moment sucht Anne Weber in ihrer Legende vom komischen Heiligen ausgerechnet im Nachdenken über das Erzählen selbst, also in einer Art erzählten Poetologie.

"Wer bin ich? Vielleicht wird es sich in dieser Geschichte herausstellen. Im Moment wüsste ich es selbst nicht mit Gewissheit zu sagen. Aber ich habe die Hoffnung, einem Detektiv in die Hände gefallen zu sein. Einem Leser mit detektivischem Gespür. Und am besten einem ebensolchen Autor", so beginnt ihr Roman Kirio. Und da haben wir schon in fünf Zeilen alle Agenten, die miteinander klarkommen müssen: die Instanz des Autors, des Erzählers, des Helden, die sich alle um die Position des Ich bewerben, dann die des Lesers als Hermeneuten, der Narration als Prozess, der Lektüre als Aufklärung mit ihrem tückischen Versprechen: "Und am Ende werden wir alle wissen, mit wem oder was wir es zu tun haben" – und das Spiel kann beginnen.

In diesem frühen programmatischen Durcheinander wird jedenfalls ein Kindlein geboren, Kirio, das anfänglich so gar nicht sprechen will, von seiner Mutter aber, der angehenden Erzählerin Nummer eins, für das tollste Kind der Welt gehalten wird. Es war im Übrigen wie jeder noch so kleine Gott schon länger da und kommt nur jetzt und hier zur Erscheinung, mit absolutem Gehör, absoluter Menschenliebe und überhaupt als Absolutum. Die literarische Aufgabe Anne Webers ist es nun, dieses außerirdische Geschöpf aus Idee und Buchstaben auf eigene Füße zu stellen.

Doch zieht Kirio als Fortbewegungsart das Radschlagen vor. Im Ruhezustand steht er auf seinen Händen, was den Vorteil hat, dass sich die Welt verkehrt herum zeigt, so wie es seit ewigen Zeiten das Bild ist für den mundus inversus, für die verkehrte Welt. Also zieht Kirio mit Schwung in die weite Welt hinein, die französische in diesem Fall, es wechseln die Erzähler und die Schauplätze und die Themen, nur leider nicht der gut gelaunte, intellektuell überlegene, immer alles kontrollierende Tonfall.

Auf die erzählende Mutter folgt Kirios Lateinlehrer Beauchamp, gefolgt von der stummen, älteren Verführerin Prisca, die Kirio, wie einst Kirke Odysseus, in ihrem Liebesnest halten will. Doch mithilfe der allgemeinen Erzählerin, die immer einspringt, wenn gerade kein tauglicher Augenzeuge zugegen ist, entkommt er ihren Fesseln und zieht sich in eine Höhle zurück, wird zum Einsiedler und hält eine Rede an die Fledermäuse, mit denen er sein Kopfunter-Außenseitertum teilt. In einem weiteren rapid erzählten Kurzkapitel kommt er schließlich nach Paris wie noch jeder lebensreisende Franzose von Bedeutung. Die Stadt ist voll von Trunksucht, Tätlichkeit und Traurigkeit, und da hat so ein Paradeschelm mit unorthodoxem Helfersyndrom gerade noch gefehlt: ein Versöhner, der mit Reis schmeißt, wenn zwei sich streiten, der die Schwerkraft aufhebt, wenn jemand aus dem Fenster springt, der so lieb guckt, dass jeder Schlag gegen ihn danebengeht.

Das Problem bei dieser Konzeption des rettenden Zaubers, der für die schönen Künste überhaupt stehen mag, ist eben das Fehlen des Bösen, des Zerstörerischen. Kirio ist die Kraft, die stets das Gute will und stets das Gute schafft. Dass das literarisch nicht immer gut geht, liegt auf der Hand der Lesedetektive. Eine Fantasiegestalt, die die Fantasie verkörpert, eine Fabelgestalt, die das Fabulieren selber meint, der absichtslose Heilige – woraus soll die Spannung resultieren?

Sie soll aus der Erzählsituation selber kommen, aus dem Gefälle zwischen Autor und Erzähler und Text und Leser, die sich im cleveren Spiel gegenseitig hervorbringen und bestärken. Darin liegt tatsächlich eine gewisse Stärke des Romans: wie er seine Überlegungen zur Unzuständigkeit des Autors, zum Wechsel der Perspektiven, zur Autonomie der Fiktion vorführt. Doch als Beleg eher, nicht als mitreißende Geschichte. Als erzähltes philosophisches Lehrstück über Wunder und Wonnen der Fantasie, nicht in der Anschauung. Hier ist Philologie zur Harlekinade getrimmt. Das Spiel mit Buchstäblichkeit und Vieldeutigkeit beherrscht Anne Weber. Was dieser Kirio aber real so treibt, am Ende gar bei den Brüdern Grimm in Hanau, das ist uns Lesedetektiven dann leider eher egal. Im großen Ganzen also: zu brav.

Anne Weber: "Kirio", Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2017; 224 S., 20,– €, als E-Book 18,99 €