Dass Poptheorie auch im deutschsprachigen Raum zu einer universitären Größe geworden ist, bezeugt ihr bekanntester Vertreter, der 1957 geborene Diedrich Diederichsen. In den achtziger Jahren noch Chefredakteur der einschlägigen Zeitschrift Spex, lehrt er heute als Professor in Wien. 2014 erschien sein gefeierter Band Über Pop-Musik, in dem auch ein größeres Publikum auf eine Denkmaschine stieß, die von Bob Dylan bis Lady Gaga Musik verarbeitete, dabei aber auf den Entwurf einer ganzen Kulturtheorie programmiert war. Nun erscheinen die Adorno-Vorlesungen, die Diederichsen 2015 in Frankfurt gehalten hat: Körpertreffer. Zur Ästhetik der nachpopulären Künste.

Nachpopuläre Künste? Diese entstanden laut Diederichsen aus einem medienästhetischen "Epochenschnitt" um 1960. Eine Fülle von Kulturprodukten ist davon betroffen: Diederichsen spricht von den künstlerischen Avantgarden Fluxus, Pop-Art, Arte povera und Aktionskunst, kommt musikologisch vom Soul zu Hip-Hop, Metal und Techno, streift Kinogenres à la Nouvelle Vague und Cinéma vérité und scheut sich auch nicht vor alltäglichen Phänomenen wie Seifenoper-Darstellern. Meistens aber, und das macht die Lektüre anstrengend, gibt der Autor der sperrig formulierten Abstraktion den Vorzug vor Anschaulichkeit.

Diederichsens Theorie basiert auf einer Einteilung in drei Epochen. Zunächst: die der bürgerlichen Künste. In ihnen (und wir denken dabei an das Theater oder den Roman) sei es seit der Aufklärung um die "Einmaligkeit des mentalen Lebens ihrer Charaktere" gegangen; eine Einmaligkeit, "die sich in Sequenz, Narration, Geschichtlichkeit sowie im Vertrauen auf die Übertragbarkeit dieser Prinzipien auf die im Rezeptionsakt reflexiv realisierte Individualität der (ebenfalls bürgerlichen) Adressaten entfaltet". Es geht, schlichter gesagt, um eine Kunst, die ihr Publikum mit einer Erzählung versorgt, welche für dieses Publikum auch nachvollziehbar ist. Zweite Epoche: die populären Künste. Sie seien, so Diederichsen, dominiert von der körperlichen Präsenz des Künstlers in einer "öffentlichen oder halböffentlichen, festlichen bis ekstatischen Live-Situation, in deren Fokus eine trickreich-verblüffende oder erotisch-verführerische Körperlichkeit steht". Auch in der Kunst des an Ort und Zeit gebundenen Auftritts kommen Medien ins Spiel. Diederichsen legt aber Wert darauf, dass sie noch lokal fixiert sind, das fest installierte Radio zum Beispiel oder die Kinoleinwand, zu denen Zuschauer oder Zuhörer automatisch eine Distanz wahren.

Anders die "nachpopulären Künste". Sie scheinen sich Diederichsen zufolge gar nicht mehr zu trennen von der Technologie, die sie formt, aufbewahrt und lebendig, genauer: körperlich wirksam werden lässt. Und die nun dezentral organisiert sei: durch portable Radios und Abspielgeräte, also Medien, die sich mit den Körpern, auf die sie abzielen, mitbewegen.

Die nachpopulären Künste erzählen nicht, sie beschwören. Während früher das "Leben des Geistes" und die "Individualität der bürgerlichen Seele" entfaltet wurden, bleibt die Kunst von nun an opak. Sie setzt auf umweglosen Effekt statt sinnstiftende Entwicklung. Die Seele – ein Begriff, den Diederichsen wie eine spiritistische Formel gebraucht – wird dann "so dicht, verblüffend und präsent wie der Körper, aus dem die Übertragung, das Recording sie herausholt". Daher hegten die auf unmittelbare Identifikation getrimmten Rezipienten nicht mehr den Wunsch "Will ich haben", sondern vielmehr "So will ich sein". Die erschütternde Punktlandung solcher Kunst wird ja als "Körpertreffer" schon im Titel angezeigt: Es "brüllt", so verknappt es Diederichsen, "aus der Wirklichkeit, sagt aber erst mal nichts".

Wo uns die Kunst in ihrer Zufälligkeit, Unschärfe, Fehlerhaftigkeit zu Leibe rückt, ist es um den genialen Künstler als Herrn über die von ihm verursachte Wirkung geschehen. Das kann dann, im Sinne eines gemachten und geschlossenen Werks, kaum noch Kunst sein. Überzeugend bezieht sich Diederichsen auf Roland Barthes, der angesichts von Fotografien seiner verstorbenen Mutter den Begriff des "Punctums" entwickelte und damit eine Attacke meinte, die aus dem Bild springt und nicht festzulegen ist, weil sie sich nur plötzlich, in der Erschütterung des Betrachters ereignet. Diesen von keinem Urheber planbaren Effekt spricht Diederichsen den nachpopulären Künsten zu. Die Erkenntnis, wonach in der medialen Aufzeichnung das verglühte Leben so aufgehoben werden kann, dass es stets in alter Frische aufs Neue zuschlägt, macht Diederichsens Ästhetik selbst zu einer Geisterbeschwörung. Aber mit einer Hoffnung: "Dass ich eines Tages tot sein werde, dass der final blast notwendig kommt, belebt mich gerade jetzt nur umso mehr." Und das wäre eine tröstliche Wirkung von Kunst, ganz gleich, ob sie irgendetwas bedeuten will.

Diedrich Diederichsen: "Körpertreffer"; Suhrkamp Verlag, Berlin 2016; 147 S., 17,– €, als E-Book 16,99 €