Zum Wochenende ergötzt der Zeichner OL die Leser der Berliner Zeitung regelmäßig mit seinem Cartoon Die Mütter vom Kollwitzplatz. Die Serie verhöhnt Zusiedlerinnen altbundesdeutscher Herkunft, schwanger oder jung bebalgt, als Plage des Prenzlauer Bergs. Doofschnallen-Dialog: "Wie siehst du denn aus?" – "Ich sagte zu meinem Chirurgen, ich will aussehen wie Ivanka Trump. Aber er hat Ivana verstanden."

Es geht auch anders. Die Vergangenheit des berühmten Quartiers beschreibt Dieter Krauses liebevoller Wälzer Kollwitz 66. Berliner Kindheit in den fünfziger Jahren. Der Autor, 1947 geboren, erwuchs in der Trümmerstadt, inmitten der Grotesken des Kalten Kriegs. Lebendig reportiert er die wachsenden Ost-West-Kontraste: Ideologie, Warenwelt, Popkultur, das ungleiche Geld. Berlins erste Spaltung vollzogen die Alliierten mit der Währungsreform vom 19. Juni 1948. Der Westen wurde Wirtschaftswunderland, dem Osten entliefen die Menschen – fast auch die Familie Krause.

Aber Kollwitz 66 ist keine politische Chronik. Großgeschichtliche Exkurse bleiben Beiwerk. Vater Krause ist Arbeiter und Radsporttrainer, die Mutter Krankenschwester. Einzelsohn Dieter scheint selten allein. Cliquen von Straßenkindern karriolen durch Brachen und Ruinen, fußballern, schießen Murmeln, tauschen die Kleinodien der Sammelwut und nervtöten die Nachbarschaft mit selbst gebastelten Kanonenschlägen. Fortwährend rennt die Brut ins Kino, hüben und drüben. Noch hat niemand die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Krause memoriert ausführlich und detailversessen. Bisweilen schrumpft seine Sittengeschichte zur privatsprachlichen Erinnerung. Er liebt die Realien des Alltags. Sein Buch funktioniert als Arsenal der tausend kleinen Dinge: Briketts und Bohnerwachs, Liebesperlen, Klebstoff Duosan, die braun-gelb karierten Filzschuhe mit Schnalle, der Fernseher Iris, die Sternchen-Kofferheule ... Der Rias füllt Krauses Schlagergedächtnis mit epochalen Gesängen von Freddy Quinn, Conny Froboess, Caterina Valente, Dany Mann: "Am Rio la Plata, am Ganges und am Rhein werden alle Mädchen bald Hula-Mädchen sein." Aufreizend lässt Nachbars Gabi den Hula-Hoop-Reifen um ihre geschmeidigen Hüften kreisen. Dieter scheitert kläglich. Die Blue Diamonds schmachten: "Ramona, zum Abschied sag ich dir goodbye: Ramona, ein Jahr geht doch so schnell vorbei." Dieters Ramona heißt Petra. Im Ferienlager lehrt sie ihn den Zungenkuss.

Ärgere Unzucht meidet der Autor von Kollwitz 66. Die Epoche ist prüde. Männliche Pubertät heißt "Flegeljahre", die weibliche "Backfischalter". Nun aber bricht der Rock ’n’ Roll herein. Dieter MUSS eine Elvis-Single haben. In West-Berlin ersteht er Presleys Jailhouse Rock. Zitternd schmuggelt er den staatsfeindlichen Radau gen Osten. Hören kann er ihn nicht, mangels Plattenspieler. Zweimal wird er der Schule verwiesen. Der Leser staunt, begegnet er doch einem offensichtlich lieben Jungen. Krach mit den Eltern gibt es bloß, wenn der Vater wieder Kriegsspielzeug verbietet. Dieter findet einen Hitlerjugend-Dolch. Die HJ-Rune kratzt er heraus. Dem Vater reicht das nicht. "Er spannte die Klinge in den Schraubstock ein, nahm einen schweren Hammer und schlug gegen den Griff. Peng. Kling. Der Abrüster hatte wieder zugeschlagen."