Im Jahre 1685 errang der brandenburgische Gesandte in London, Johann Besser, einen schönen Erfolg. Bei der Gratulationscour für den neuen König Jakob II. stand Besser in harter Konkurrenz zum venezianischen Gesandten. Venedig, ehemals Beherrscherin Zyperns, verlangte an den Höfen das "königliche Tractament", die Gleichbehandlung mit den Vertretern der Könige, Vorrang also vor den deutschen Kurfürsten. Während nun beide Gesandte auf den König zuschritten und bereits ihre Gratulationsreden anstimmten, drohte der Venezianer an seinem deutschen Kollegen vorbeizuziehen. Doch der, ohne die Rede zu unterbrechen, packte den Rivalen bei den Hosen, versetzte ihm einen offenbar recht eleganten Tritt, gelangte an die Spitze und vollendete sein Thronbesteigungskompliment. Das Protokoll vermerkt spontanen Applaus.

Das ist eine der Geschichten, von denen Leonhard Horowskis Das Europa der Könige gesteckt voll ist. Das Buch hat Aufmerksamkeit erregt, bevor es in den Handel kam, und das zu Recht. Es ist ein ungewohnter Ton, den der Autor anschlägt. Er schreibt mit Schwung und verwendet literarische Techniken, wie man sie von deutschen Wissenschaftlern – Horowski habilitiert sich gerade mit einer Arbeit zur brandenburgischen Geschichte – nicht kennt. Die 20 Kapitel beginnen alle mit einer kleinen Szene, die fast jedem neu sein wird, mit Personen, die nicht in der ersten Reihe des historischen Interesses stehen. Der Leser, sofern nicht ein seltener Spezialist, kennt Personal und Zusammenhänge nicht, er ist in der Hand des Autors, wie bei einem Roman. Kleine Dialoge werden imaginiert, der Autor liebt Cliffhanger: "... wird uns in einer wichtigen Rolle wiederbegegnen".

Doch auch in der Sache ist dies ein höchst überraschendes Buch. Die Fachleute haben über Jahrzehnte die dynastischen Verflechtungen, Hofintrigen, Statusfragen für bloßes Oberflächengekräusel gehalten. Denn all das sei auch im 17. und 18. Jahrhundert nicht substanziell wichtig gewesen. Die Könige hätten den Adel an den Hof gezogen, um ihn seinen Territorien zu entfremden, seine Macht zu neutralisieren und an deren Stelle eine neue, zentralistische Gewalt zu setzen: den neuzeitlichen Staat mit seinem auf die Krone ausgerichteten Verwaltungsapparat.

Diesem Blick will Horowski die Sicht der Zeitgenossen gegenüberstellen, für die dynastische und Statusfragen elementar waren. Die Vergangenheit, da wird man Horowski gern zustimmen, ist mehr als die Vorgeschichte unserer Klugheit. In seiner Sicht gewinnt das Zeitalter neue Fremdheit, das ist von Reiz. "Wer sich einmal näher angesehen hat, wie lauter individuell vernünftige Menschen mit der größten Überzeugung Dinge tun, die uns nach bloß drei Jahrhunderten wie der reine Irrsinn vorkommen, der mag es sich danach auch zweimal überlegen, etwas nur deswegen für richtig zu halten, weil das im Hier und Heute alle anderen tun."

Und irrsinnig kommt es einem vor, wenn ernster Streit losgeht um die Frage, wer als Erster durch eine Tür geht, wenn nichts so begehrenswert erscheint wie das Privileg der Ehefrau, in Anwesenheit der Königin auf einem Hocker sitzen zu dürfen, dem tabouret de grâce . Aber sind die heutigen Kämpfe um die Vergütungen des Spitzenmanagements vernünftiger? Wolfgang Kemp beschreibt in seinem Essay Der Oligarch, welche Bedeutung Jachten haben, und wenn er die einzelnen Oligarchen abhandelt, so fügt er die Länge ihrer Jachten immer in Klammern hinzu. Er zitiert auch einen Kenner: Diese Schiffe seien ein Mittel im Geschäft, kein Freizeitvergnügen. Entsprechendes gilt vom barocken Zeremonialwesen. Wer dem König beim Aufstehen (lever) assistiert, wer neben der Königin hockt, der und die hat das Ohr der Macht.

Deren Subjekt ist der Monarch, aber kaum weniger die Familie. Deswegen sind die Heiraten so wichtig. Doch zu heiraten ist schwierig, Rang, Besitz und Konfession ziehen enge Grenzen. So kommt es zu den ewigen Ehen zwischen Cousins und Cousinen, was aber niemanden stört. Dass die Nähe der Partner ein genetisches Problem sein könnte, wird nirgends auch nur erwogen. Hinter dem dynastischen Interesse treten die Ansprüche des Herzens zurück. Aus Liebe zu heiraten gilt als Verirrung; ein Herzog, der in der Öffentlichkeit seine Frau mit ihrem Vornamen anspricht, sorgt für Befremden. Die Kinder, für deren Erfolg doch alles getan wird, wachsen ohne die Eltern auf, "Mama" ist die Anrede für die Gouvernanten. Die Machtvollkommenheit des Monarchen reicht weit – er kann ohne Gerichtsbeschluss Verhaftungen vornehmen lassen –, der Besitz der Gegner ist tabu. Besitzrechte gehen vor Freiheitsrechten, denn Besitz ist Familiensache. Er wird vererbt, wie auch politische Macht. Das Erbrecht gilt unbefragt. Und wo in Heiratsverträgen ein Erbverzicht vereinbart wird, ist jedem klar, dass diese Klausel wackelt, zu sehr geht sie gegen alles Rechtsempfinden.

Horowskis Werk enthält eine Fülle interessanter Gesichtspunkte. Allerdings verteilen sie sich auf 1050 Seiten Text. Zwischendurch muss man sich durch lange dynastiegeschichtlich akzentuierte Beschreibungen arbeiten. Das ist gelegentlich nicht einfach, auch wenn der Autor munter erzählt. Wie soll man unter den vielen Sophie Charlottes, die (fast) alle miteinander verwandt oder verschwägert scheinen, nur den Überblick behalten? Eine Fülle von Details aus ganz Europa wird ausgebreitet. Aber so weit gespannt die Herrschaftsgeografie ist, eine Entwicklung in der Zeit wird nicht fassbar. Was ändert sich zwischen 1642 und der Revolution? Plötzlich tritt Joseph II. mit seinen betont antizeremoniellen Neigungen ins Bild, dann die neue Gefühlskultur (Rousseau!), und schon ist auch die Revolution da, aus den Gründen, die in den Schulbüchern stehen: Erschöpfung der Steuerkraft Frankreichs durch die Privilegierung von Adel und Klerus.

So lebhaft der Autor zu erzählen versteht, es gibt eine begriffliche Schwäche. Wir lesen, dass die Niederlande die kompetentesten Militärs hatten, aber über die Oranische Heeresreform erfahren wir nichts, obwohl das neue, scharf disziplinierte, verwissenschaftliche Kriegswesen von Bedeutung ist. Der Autor hat sich so in den Horizont der Zeitgenossen eingefügt, dass ihm eine scharfe Begrifflichkeit wohl unpassend, hergeholt erscheint. Dazu fügt sich, dass er auf kulturgeschichtliche Erörterungen ausdrücklich verzichtet: Man kenne das. Mag sein, aber so geht auch Orientierung verloren. Horowski betont, dass zwischen Monarchie und Adel eine kaum zu überwindende Schranke bestand, die Angehörigen der regierenden Häuser heirateten nur untereinander. Aber über das Verhältnis von Adel und Souverän, die Aufteilung der Macht, würde man gern mehr lesen, denn hier geht es darum, wie sich die Macht der Könige ausdehnt. In welchem Verhältnis stehen dynastische Interessen und die Staatsräson, die doch das große Thema der staatstheoretischen Literatur ist? Bodin, Hobbes, Pufendorf, Locke kommen nicht vor.

Der Autor vertritt eine neue Linie. Er will mit seinen ausführlichen Erzählungen die Kontingenzen der Geschichte wieder ins Recht setzen. Die Vererbung der Macht war eine einfache, rechtlich definierte Sache, dem Urteil der Herrscher entzogen: Wer an der Reihe war, erbte. Aber mit dem unerwarteten Tod des Königs oder seines präsumtiven Erben konnte sich alles ändern. Das betont Horowski stark. Selbst die Revolution habe ein starkes Moment des Zufalls gehabt: durch die Rivalität des französischen Königshauses und des Hauses Orléans. Hatte der Absolutismus sich nicht doch zuletzt erschöpft? Leonhard Horowski geht jedenfalls scharf ran, man wäre begierig zu erfahren, wie er sich mit den zeitgenössischen Theoretikern und auch der neueren Forschung auseinandersetzt. In der Schlacht von Malplaquet, erzählt er, schlugen zuletzt auch die Feldherren, John Marlborough und Prinz Eugen, mit dem Säbel um sich und nahmen den Kampf auf wie ihre ritterlichen Vorfahren. Respekt! In einem solchen Getümmel mit seinen Gegnern hätte man auch Horowski gern gesehen.

Leonhard Horowski: Das Europa der Könige
Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts; Rowohlt Verlag, Reinbek 2017; 1119 S., 39,95 €, als E-Book 29,99 €