Kollision mit der Parallelgesellschaft

Im Sommer 2016 war ich mit der Journalistin Nazan Gökdemir und einem Kamerateam in Berlin-Kreuzberg unterwegs. Wir drehten die Sendung Europas Muslime, die am 11. April auf Arte ausgestrahlt wird. Die Idee war: nicht über Muslime zu reden, sondern sie selbst reden zu lassen. In Berlin trafen wir uns mit der Sprecherin der Sehitlik-Moschee.

Das Gespräch vor der Moschee verlief friedlich, und wir waren schon dabei, uns zu verabschieden, als eine Gruppe junger Männer auftauchte, die mich als Islamkritiker erkannten. Sie riefen: "Haut ab! Verpisst euch!" Rasch umzingelten sie uns, einer rief: "Wir sind die Parallelgesellschaft. Hier ist bald Frankreich." Er meinte den Anschlag von Nizza, der nur wenige Tage zurücklag. Meine Kollegin bekam Panik, weil uns Prügel angedroht wurden. Nur die Anwesenheit mehrerer LKA-Beamter rettete uns. Meine Kollegin zerrte an meinem Hemd und flehte, nicht weiter zu provozieren!

Ich habe aber niemanden provoziert. Ein junger Mann drohte allen Terror an. Warum sollten wir vor ihm zurückweichen? Warum diese Nachsicht gegenüber Gläubigen, als müssten sie automatisch wütend werden, wenn man ihre Religion kritisiert? Ich sehe nicht ein, dass ein Privatmensch oder Journalist aus dem öffentlichen Raum verschwinden soll, aber der gewaltbereite Mob bleiben darf.

Wenn ein Jude mit Kippa durch Neukölln läuft, droht ihm Gewalt, deshalb rät man Juden jetzt davon ab, in Berlin Kippas zu tragen. Genau diese Logik hat dazu geführt, dass ein paar arabische Clans das Sagen in weiten Teilen Neuköllns haben. Aus Angst oder falsch verstandener Toleranz lässt man zu, dass die Intoleranten immer stärker werden und uns andere einschüchtern! Diese Logik lehne ich ab. Dagegen wehre ich mich – und werde deshalb nicht nur von meinen Gegnern, sondern auch von vermeintlich liberalen Menschen als Provokateur bezeichnet. Die gleichen Leute sehen den jungen Muslim, der mich bedrohte, als Opfer von Diskriminierung. Sie wollen nicht, dass er gekränkt wird. Als wäre nur er verletzbar!

Was wolltest du eigentlich dort?

Zagreb im Sommer 1992. Das Land befand sich im Krieg, doch davon war im Zentrum der Stadt wenig zu spüren. Die Läden waren geöffnet, die Straßenbahnen fuhren, die Menschen gingen ihren Geschäften nach. Ich war als Journalist in Kroatien und noch recht unerfahren. Es war der erste Krieg, von dem ich berichtete.

Auf dem zentralen Ban-Jelačič-Platz fand eine Demonstration statt. Ich stand inmitten der Menge und sah, dass vorn auf einer kleinen Bühne ein Mann gegen den Krieg sprach. Er war ein deutscher Friedensaktivist. Zuerst gab es Buhrufe, dann Pfiffe, schließlich stürmten einige Männer die Bühne. Und bevor ich begriff, was geschah, war auch ich von Männern umringt. Sie schrien und beschimpften mich als ausländischen Spion. Dann spürte ich Schläge, zuerst eher leichte, auf meinen Rücken, meine Schultern, dann einen Schlag mit einem Stock oder Schirm auf den Kopf. Schmerz durchfuhr mich. Von hinten traten mir die Männer in die Kniekehlen, ich rief: "Ich bin Journalist! Ich bin Journalist!" Die Tritte in die Kniekehlen wurden härter. Instinktiv spürte ich, dass ich nicht fallen durfte; ginge ich auf die Knie, wäre die Meute entfesselt. Jemand, so meine ich mich zu erinnern, zog mich aus diesem wütenden Meer heraus und stieß mich fort. Ich lief und lief mit blutendem Kopf, schmerzenden Beinen.

Als ich später, zu Hause in Wien, davon erzählte, kam schnell die Frage: "Was wolltest du eigentlich dort?" Und: "Warum bist du nicht hiergeblieben?" Diesen Vorwurf hörte ich immer wieder, im Iran, in Mali, in Afghanistan (wo meine Kollegin Giuliana Sgrena und ich in eine Patrouille gerieten, kurz sah es so aus, als würden wir erschossen). Im Bosnienkrieg warf mir eine junge Bosnierin den Satz an den Kopf: "Du bist doch nur hier, weil du Karriere machen willst!"

Wenn es brenzlig wird, findet man als Reporter selten Unterstützer, die klar sagen: "Du hast nur deine Arbeit gemacht. Du bist frei von Schuld!"