Diese lähmende Ungewissheit, sie ist jetzt wieder da, wie eine träge, düstere Wolke. Ein paar Monate lang sah es so aus, als sei sie für immer fortgezogen, endlich, aber nun ist sie zurückgekehrt. Schwer hängt sie über Lichtenberg, dem 1.000-Seelen-Städtchen im äußersten Norden Bayerns, das seit fast 16 Jahren die Antwort sucht auf diese eine Frage: Wer hat Peggy umgebracht?

Wenn in einer Großstadt wie Berlin, Hamburg oder München ein Kind verschwindet, ist für die Familie nichts mehr, wie es war. Für die Stadt aber ändert sich wenig. Ein paar Schlagzeilen, ein Suchtrupp, eine Hotline der Polizei, ansonsten geht das Leben weiter wie bisher.

Wenn in einer Kleinstadt wie Lichtenberg ein Kind verschwindet, ändert dies alles, nicht nur für die Eltern, auch für die übrigen Einwohner, für die Gemeinschaft. Den Ort selbst. Aus Freunden werden Verdächtige, aus Gewissheit wird Unsicherheit. Jener 7. Mai 2001, an dem die neunjährige Peggy Knobloch am helllichten Tag verschwand, er hat Lichtenberg verdunkelt. Wem kam man noch trauen, wenn irgendwo im Ort ein Mörder wohnt? Worauf kann man sich noch verlassen, wenn der eigene Nachbar vielleicht das Monster ist?

Nach all den quälenden Jahren schien sich der Fall im Oktober 2016 auf befreiende Weise aufzuklären. Direkt neben dem erst Monate zuvor gefundenen Leichnam des kleinen Mädchens entdeckten die Ermittler zweifelsfrei DNA-Spuren von Uwe Böhnhardt, dem 2011 verstorbenen Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Böhnhardt, das weiß man, war ein mehrfacher Mörder. Und auf dem Rechner seiner Komplizin Beate Zschäpe, das weiß man ebenfalls, befand sich kinderpornografisches Material. Auf einmal schien alles klar: Böhnhardt war der Täter, Lichtenberg war unschuldig.

Bis zum Mittwoch vergangener Woche, als im nahen Bayreuth Vertreter von Staatsanwaltschaft und Polizei vor die Presse treten und bekannt geben: Es war ein Ermittlungsfehler. Böhnhardts DNA ist erst nachträglich an den Fundort der Leiche gelangt. Der NSU hat mit dem Fall Peggy nichts zu tun.

Wer aber war es dann?

Lichtenberg liegt mitten in Deutschland und doch am Rande der Welt, auf einer Anhöhe über dem Selbitztal, umgeben von verwunschenen Wäldern, moosigen Pfaden und stillgelegten Bergwerksstollen. In diesen Tagen liegt Lichtenberg da wie im Winterschlaf. Kein Mensch ist auf der Straße, der Bäcker hat schon am frühen Nachmittag zu, die Gaststätten machen gar nicht erst auf. Der Nebel hängt tief in den Gassen. Eine Burgruine thront über der Stadt mit ihren zweistöckigen, farbverblassten Häusern.

In einem dieser Häuser weckt Susanne Knobloch an jenem Montagmorgen im Mai 2001 um kurz nach sieben ihre Tochter Peggy. Sie kocht ihr einen Kakao, kämmt ihr das Haar und flicht

ihr einen Zopf, obwohl sie weiß, dass Peggy ihn öffnen wird, sobald sie um die Ecke ist. Peggy mag keine Zöpfe.

Draußen ist es ungewöhnlich kalt für die Jahreszeit, kaum über null Grad, es nieselt. Peggy streift ihre schwarze Regenjacke über, gibt ihrer Mutter einen Kuss und sagt: "Ich hab dich lieb."

Ein fremder Mann, ein anonymer Entführer, womöglich die Sex-Mafia

Wie immer ist sie spät dran, der Kaufmann an der Ecke sieht sie zur Schule rennen. Mathe in der ersten Stunde um 7.50 Uhr, danach Deutsch, Heimat- und Sachkunde, Kunst und Musik. Nachdem der Schulgong um 12.50 Uhr den Unterricht beendet hat, sind Peggy und ihre Freundin Daniela die Letzten, die das Gebäude verlassen. Die beiden schlendern den Sportplatzweg entlang, der in eine unbefestigte Straße mündet. Daniela bittet Peggy um ein 50-Pfennig-Stück, sie möchte sich aus einem der Automaten am Wegesrand einen Flummi ziehen. Peggy hat kein Geld dabei, verspricht ihrer Freundin aber, ihr am nächsten Tag einen zu kaufen.

Peggy begleitet Daniela nach Hause, sie dreht sich noch einmal um und winkt, dann läuft sie am Friedhof vorbei, hinter ihr eine Anwohnerin, die sie zum Henri-Marteau-Platz gehen sieht, dem zentralen Platz des Ortes. Gegen 13.20 Uhr kommt sie dort an, zwei weitere Zeugen bestätigen das. Peggy ist nur noch 45 Meter von ihrem Zuhause entfernt, wo im Kühlschrank Spargel, Kartoffeln und Putenschnitzel auf sie warten – das Essen, das ihre Mutter gekocht hat, bevor sie zur Arbeit fuhr.

Als Susanne Knobloch gegen 20 Uhr von ihrer Arbeit als Altenpflegerin heimkommt, ist Peggy nicht da. Die Mutter sucht im Haus, sie fragt bei den Nachbarn, bei den Eltern von Peggys Freundinnen, um 22.05 Uhr ruft sie die Polizei an, kurz danach trifft auch ihr Mann, Peggys Stiefvater, zu Hause ein.

© ZEIT-Grafik

Noch in der Nacht beginnt die Suche nach dem Mädchen. Am nächsten Morgen sind mehr als 140 Polizisten im Einsatz, dazu 16 Taucher an einem kleinen See und an der Saale, 17 Spürhunde, 50 Kräfte der freiwilligen Feuerwehr, Hubschrauber kreisen über den Wäldern. Sie alle finden: nichts.

Keine Fuß- oder Blutspuren, keine Fetzen von Kleidungsstücken, nicht den Schulranzen mit der Diddl-Maus. Einfach nichts.

Ganz Lichtenberg sorgt sich um Peggy, die in dem kleinen Ort fast jeder zumindest vom Sehen kannte. Aber es dauert nicht lange, bis sich die Sorge in Misstrauen verwandelt. Misstrauen gegen die Menschen, mit denen man seit Jahren Tür an Tür wohnt. Was, wenn es einer von hier war? Einer von uns?

Als Erstes fällt der Verdacht auf Peggys Mutter, die Zugezogene aus Halle an der Saale, aus dem belächelten Osten, eine Frau, die ständig neue Affären hat, wie man sich erzählt. Und war nicht schon länger die Rede davon, dass sie Peggy vernachlässigte? Wollte sie das Kind womöglich loswerden?

Als Nächstes gerät der Stiefvater ins Visier. Überall in Lichtenberg ist zu hören, er habe Peggy geschlagen. War die Kleine ihm nicht immer zu wild gewesen?

Dann ist es der Dorftrottel. Der Nachbar. Dessen Bruder. Der andere Nachbar. Der leibliche Vater. Der Ex-Liebhaber der Mutter. Der Lebensmittelhändler. Der Schulfreund. Fast ist es so, als gehe in Lichtenberg jede Woche ein anderer Mörder um.

Im Laufe der Jahre wird die Polizei mehr als 4.000 Spuren auswerten, mehrere Hundert Zeugen befragen, die Ermittlungsakte wird auf über 90.000 Seiten anschwellen.

Nur der wirkliche Täter wird nicht gefunden.

Da Peggy an jenem 7. Mai 2001 zum letzten Mal auf dem Heimweg von der Schule gesehen wurde, gehen die Ermittler davon aus, dass sie nie zu Hause ankam, auch weil ihr Schulranzen bis heute fehlt. Auf den letzten Metern vor ihrer Haustür müsse ihr etwas zugestoßen sein.

Doch es gibt auch Zeugen, unter ihnen mehrere Kinder, die Peggy am Nachmittag des 7. Mai 2001 noch in der kleinen Stadt gesehen haben wollen. Um drei auf dem Rücksitz eines silberfarbenen Mercedes; um vier auf einem Wanderweg in Richtung des Nachbarorts Mordlau; um halb fünf neben einer Telefonzelle mit einer leeren Zigarettenschachtel in der Hand; zwischen sechs und halb sieben mit ihrem silbernen Roller.