Es ist die Geschichte einer unwahrscheinlichen Freundschaft. Da sind zwei, die sich um Ehre, Ruhm und den nächsten Auftrag streiten. Die beide meinen, sie seien der Beste. Und die doch aufeinander hören und die so selbstverständlich voneinander lernen, dass manche Werke des einen ohne die des anderen kaum zu denken sind.

Nur war bislang das Naheliegende noch keinem eingefallen. Niemand hatte den Bildhauer aus Florenz und den Maler aus Venedig, hatte den großen Michelangelo und den nicht minder einflussreichen Sebastiano zur gemeinsamen Retrospektive geladen. Erst jetzt in London, in der National Gallery, treffen sie zusammen: erster Austausch nach 500 Jahren.

Warum das so lange dauern musste? Weil diese Freundschaft nicht ins Bild passt. Nicht in das Bild, das sich viele Museen noch immer ausmalen und das von Genies geprägt ist, eitel, tatendurstig und nur dann zu gemeinsamer Arbeit bereit, wenn es unbedingt sein muss. Die Renaissance, eine Sache von Männern, einsam, unbefreundet.

Außerdem müssten die beiden Künstler, wenn es nach den üblichen Ordnungsrastern der Kunstgeschichte geht, eigentlich Antipoden sein. Michelangelo gilt als Meister des disegno, ein Künstler, für den vor allem der Entwurf zählt, das geistige Konzept. In Venedig hingegen, wo Sebastiano del Piombo aufwuchs, schätzte man das colorito, eine gefühlsbetonte, wolkige Malweise. Dass sich die Gegensätze möglicherweise anziehen und die so unterschiedlichen Künstler einander inspirieren könnten, war nicht vorgesehen – und ist jetzt in London gleich im ersten Saal zu besichtigen.

Viele Besucher werden verwundert sein: Vielleicht hatten sie auf den Michelangelo der Sistina gehofft, auf großes Drama, formvollendet. Nun jedoch bekommen sie Gemälde gezeigt, die geradezu unbeholfen wirken. Lauter hüftsteife Figuren in karger Landschaft, und weil keine recht weiß, wohin mit sich selbst, stehen sie sich gegenseitig auf den Füßen. Das Ganze erinnert schon deshalb an eine Malen-nach-Zahlen-Kunst, weil sich Michelangelo streng an die Vorzeichnung hielt, die er Stück für Stück mit seiner schnell trocknenden Eitempera füllte – nur dass er damit nie abschließen sollte, die Bilder des perfekten Künstlers also unperfekt blieben und jetzt dort, wo zwei Engel vorgesehen waren, bloß grüne Schatten sind.

Doch nicht nur Michelangelo zeigt in London eine eher unerwartete Seite, auch Sebastiano überrascht. Lange wurde er in Rom als felix pictor gefeiert, als glücklicher Maler, doch geriet er bald nach seinem Tod in Vergessenheit, sodass ihn viele Museumsbesucher wohl erst jetzt für sich entdecken werden, etwa wenn sie auf Judith treffen, eine junge Frau mit rosigem Gesicht. Sie sucht, sie hält die Blicke der Betrachter, sie hat nichts zu verstecken, auch wenn sie vor der Brust das abgetrennte, schon leichengelbe Haupt des Holofernes hält.

Unvermittelt treten hier das Schöne und der Schrecken gemeinsam auf, fast als hätten sie schon immer zusammengehört. Und was surrealer erscheint, der Tod, das Leben oder ihre innige Vertrautheit, das darf jeder selbst entscheiden.

Auch malerisch legt es Sebastiano darauf an, ein dualistisches Denken zu überwinden. In den Bildvordergrund setzt er eine Tischkante, geometrisch präzise, die perfekte Illusion. Gleich darüber jedoch erscheint Judiths rechter Unterarm in so sanften, schwebenden Tönen, dass jede Kontur verschwimmt und es aussieht, als habe Sebastiano nicht den Arm, sondern dessen durchpulste Bewegung gemalt. Mehr noch als die Präzision wird so das Unbestimmte zum Ausdruck des Lebendigen.