Dass Journalisten Romane schreiben, ist nichts Neues. Bekanntlich waren auch Balzac und García Márquez Journalisten, Fontane war es sogar die längste Zeit seines Lebens. Im Fall von Tom Kummer, der jetzt mit einem Roman an die Öffentlichkeit tritt, verhält es sich insofern etwas anders, als der Skandal, der vor Jahren den Namen des Schweizers berühmt machte, darin bestand, dass er auch als Journalist nie etwas anderes getan hatte, als fiktive Texte zu schreiben. Seine poetischen Interviews mit Hollywoodstars, die zum Ruhm der Zeitschrift Tempo und des Magazins der Süddeutschen Zeitung beitrugen, waren allesamt erfunden oder aus älteren Quellen neu arrangiert. Ihre Enttarnung als literarische Texte führte im Jahr 2000 zur Entlassung aller Redakteure, die man bei der Süddeutschen Zeitung für den allzu treuherzigen Abdruck verantwortlich machte. Tom Kummer seinerseits musste seinen fingierten Job als Starreporter in Los Angeles gegen eine nun nicht mehr fiktive Tätigkeit als Tennislehrer eintauschen.

Und gewiss: Wer von einem Interview erwartet, dass es so geführt wurde, wie es in der Zeitung steht, konnte empört sein. Es wurde aber auch viel gelacht, und wer die Magazinpresse ohnehin verachtete und ihre Wahrheit für synthetisch hielt, freute sich sogar, dass herauskam, wie der Mann sie synthetisiert hatte, nämlich durch eine Bastelarbeit mit Presseausschnitten. Kummer selbst hat seine Bricolagen später als eine Art praktizierte Medienkritik bezeichnet; ob er den Gedanken nur aufschnappte, den theoretisch beschlagenere Denker auf ihn angewandt hatten, ist ungewiss. Fest steht, dass es ihm auch Jahre später noch gelang, ab und zu ein gefälschtes Interview unterzubringen. Die Redaktionen wurden regelmäßig Opfer ihrer gutmütigen Annahme, er müsse sich doch geläutert haben. Nun, er hatte sich nicht geläutert – er wollte es gar nicht, wie er später regelmäßig zu Protokoll gab, oder er konnte es schlechterdings nicht, weil er anderes als das Abschreiben und Neu-Abmischen nicht beherrschte. Das konnte man als etwas Trauriges sehen oder auch als etwas Amüsantes, jedenfalls erzeugte der Name Tom Kummer fortan eine Art Angstkitzel bei allen, die ihn zu drucken erwogen oder zu rezensieren hatten.

Dieser Angstkitzel verfliegt, wenn die Fiktion eindeutig ausgewiesen wird. Insofern nimmt man das Buch Nina & Tom, das sich als Roman bezeichnet, beruhigt in die Hand. Hier muss nichts stimmen und darf alles erfunden sein, auch wenn die biografischen Bezüge auf der Hand liegen und der Tom des Romans, der von Leben und Sterben seiner geliebten Nina erzählt, das Schicksal des enttarnten Journalisten teilt und ebenfalls als Tennislehrer in L.A. die Familie durchbringt. Anders als in Kummers Autobiografie Blow up, bei der man noch rätselte, was wohl stimmen konnte und was nur der Rechtfertigung diente, wird in der offen literarischen Behandlung des Lebensstoffes alles stimmig und dient nichts der Selbstgerechtigkeit.

Der Romanheld Tom ist im Gegenteil ein entschieden geknickter Typ, und nicht erst, nachdem er von der Krebsdiagnose seiner Frau erfährt und ihrem qualvollen Sterben zuschauen muss. Er betritt schon als Verunsicherter die Bühne des ekstatischen Nachtlebens von Barcelona, wo er seiner späteren Frau sofort verfällt. Partys, Drogen, chronische Übermüdung und paranoides Misstrauen umranken und umnebeln einen Liebestaumel, der von Spanien ins West-Berlin der achtziger Jahre (mit nochmals gesteigert exzessivem Nachtleben) und schließlich nach Kalifornien führt. Es ist eine Amour fou von archaischer Wucht und Wut. Hier sind zwei Menschen innig damit beschäftigt, sich selbst zu zerstören – und tun es dann doch nicht, sondern stützen und helfen einander im gemeinsamen Taumeln und gelangen schließlich, am Ende, zu einem sonderbar und wunderbar beruhigten Familienleben, mit zwei Kindern, in einem der verrufensten Viertel von L.A. Es ist ein Märchen, an dem die Erzählkunst des Autors keinen Zweifel zulässt. Und alles, alles wurde gut.

Nur dass die Frau, dieses ephebische, überirdische Wesen von zunächst unsicherem Geschlecht, das in der goldenen Kunstlichtwolke der Discos von Barcelona die Erde betrat und sich zu einer – wenngleich etwas exzentrisch liebenden – Mutter wandelt, am Ende stirbt. "Sie keucht unregelmäßig. Ich streichle ihre Beine. Auf ihren Fingernägeln sind Spuren von rotem Nagellack zu sehen. Ich berühre ihre Nachtwindeln. Wir liegen jetzt in Löffelstellung aneinandergeschmiegt." So erzählen noch die letzten Zärtlichkeitsgesten gegenüber der Sterbenden von der erotischen Besessenheit der Beziehung. Nur das Wort "Nachtwindeln" verrät die wahre Situation.