Oliver Bendixen ist die Hauptfigur dieser Geschichte: 66 Jahre alt und in Bayern so etwas wie eine Reporterlegende. Seit mehr als 40 Jahren berichtet er für den Bayerischen Rundfunk über Kriminalfälle im Süden der Republik: Seine Stimme im Hörfunk, sein kahler, breiter Kopf im Bayerischen Fernsehen sind längst eine eigene Marke. Wenn Bendixen spricht, wird es ernst. Dann geht es um Verbrechen. Es gibt Fälle, die hat er nie vergessen. Weil sie so schrecklich waren oder auch so skurril. Wie die Sache mit dem Räuber im Nikolauskostüm vor Jahren: Ein großes Münchner Kaufhaus kurz vor Weihnachten, nach Geschäftsschluss ist in der Zentralkasse Geldzählen angesagt. Plötzlich steht der Nikolaus da und öffnet seinen großen Sack. Drin sind aber keine Geschenke, sondern eine Schusswaffe. Mit der nötigt der falsche Heilige die Kassierer, alles Geld in seinen Gabensack zu stopfen. Dann seilt er sich aus einem offenen Fenster ab. "Das Erstaunliche", sagt Bendixen: "Der Nikolausräuber wurde nie gefasst."

Bendixen war auch als erster Journalist an der Münchner Wohnung des ermordeten Schauspielers Walter Sedlmayr. Bendixen berichtete über den Fall des Rudolph Moshammer, jenes schrägen Münchner Modezaren, der von einem Stricher getötet wurde. Die NSU-Morde, die großen Bestechungsprozesse um den Siemens-Konzern, es gibt eigentlich keine größere Sache in Bayern, bei der er nicht als Reporter unterwegs war, "nur beim Anschlag aufs Oktoberfest war ich gerade in Rom". Bendixen kennt die bayerische Polizei wie kein Zweiter, auch Rechtsanwälte und Staatsanwälte sind ihm vertraut. Einige wurden seine Freunde. Er war Trauzeuge bei Hochzeiten von Polizisten und stand am Grab, als ein Kommissar sich das Leben genommen hatte. "Am Anfang war es eher Zufall, dass ich Polizeireporter wurde", sagt er, "irgendwann kapierst du, das ist dein Leben."

Ein Leben für den Rechtsstaat, könnte man sagen. "Ich habe berichtet, wenn der Rechtsstaat funktioniert, und auch, wenn er Mist baut. Aber in all der Zeit ist mir klar geworden, welchen Wert das Recht hat und wie sehr es sich lohnt, dafür zu kämpfen. Doch was mir jetzt passiert ist, tja, das hat diesem Weltbild doch eine winzige Schramme verpasst, sagen wir es mal so." Oliver Bendixen verwendet gerne das Stilmittel der Ironie. Wenn er erzählt, wie er viele, viele Jahre morgens um halb sechs aufgestanden ist, um sämtliche Polizeidienststellen nach irgendwelchen Neuigkeiten abzutelefonieren, fügt er hinzu: "Ich kann nur raten: Achtung bei der Berufswahl."

Als Oliver Bendixen selbst zum Verdächtigen wird, bekommt er – wie die meisten Verdächtigen – davon zunächst gar nichts mit. Nach der offiziellen Version der Münchner Justizbehörden überbrachte ein Informant, der um Vertraulichkeit bat, im Sommer 2012 dem damaligen Leiter der Staatsanwaltschaft München I, Manfred Nötzel, persönlich die Information, der Journalist Oliver Bendixen habe zusammen mit den hochrangigen Kriminalbeamten B. und W. als geheim eingestufte Behördenakten an weitere Pressevertreter verkaufen wollen, und dies nicht zum ersten Mal. Der Informant behauptete, seine Information wiederum von einem zweiten Informanten erhalten zu haben. Aber er wurde durchaus konkret: Bei der angebotenen Ware sollte es sich um 14 Leitz-Ordner handeln, gefüllt mit höchst interessanten Akten aus dem Komplex Hypo Alpe Adria, jener Bank im österreichischen Kärnten, die von der Bayerischen Landesbank für rund 1,6 Milliarden Euro völlig überteuert gekauft worden war. Der Informant nannte gegenüber dem Behördenchef auch die Summe, die das Trio mit dem verbrecherischen Deal zu verdienen gedachte: 30.000 Euro.

Der Informant ist eine der schillerndsten Figuren der Nachkriegszeit: Werner Mauss

Ein böser Verdacht. Es geht um den Vorwurf der Bestechung und der Bestechlichkeit, der – wenn er sich bestätigt – die berufliche Existenz von Polizeibeamten und Journalisten für immer beendet. Zwei Dinge hätten allerdings Zweifel aufkommen lassen müssen. Zum einen der Wert der angebotenen Ware (interne Akten aus dem Kriminalfall der Hypo Alpe Adria). Denn es ist es so, dass die Vorkommnisse um den Verkauf der Kärntner Bank seit Jahren diverse Gerichte und Untersuchungsausschüsse in Österreich und Deutschland beschäftigen und es daher eine Reihe von Personen gibt – Politiker, Anwälte, Beschuldigte und Ankläger –, die Einblick in diese Akten haben. Und es ist auch so, dass, je größer der Kreis von Mitwissern ist, umso mehr Leute Interesse daran haben, auch Journalisten mit Informationen zu versorgen. Es ist keineswegs die Regel, aber auch nicht unüblich, dass Medien bereit sind, für schwer erreichbare brisante Dokumente erhebliche Summen zu bezahlen – doch in diesem Fall klingt das recht verwunderlich. Wer zahlt einen Haufen Geld für etwas, das längst auf dem Markt kursiert?

Zum anderen hätten die Identitäten des Informanten und seines Hinter-Informanten aufhorchen lassen müssen. Es ist nämlich ein gewisser Werner Mauss, der den Verdacht gegen Bendixen und Co. ins Leben rief. Doch wer ist Werner Mauss? Geboren 1940, wollte er eigentlich Landwirt werden, schulte dann aber zum Privatdetektiv um. So weit ist sein Leben unstrittig, auch sind mindestens drei seiner zahllosen Tarnidentitäten mittlerweile aktenkundig: Claus Möllner, Dieter Koch, Richard Nelson. Im Übrigen gab es jahrzehntelang kaum einen Kriminalfall, in dem der Ermittler Werner Mauss nicht – direkt oder indirekt – auftauchte: Ob es um RAF-Terroristen ging, um den Kölner Domschatz oder die Giftfässer in Seveso, Geiselnahmen in Südamerika oder den rätselhaften Tod des CDU-Politikers Uwe Barschel – immer lief an irgendeiner Stelle Mauss durchs Bild. Er rühmt sich, durch eigene Ermittlungen zur Verhaftung von über 1.600 Personen beigetragen zu haben. Seine Auftraggeber sollen sowohl private Firmen als auch der Staat gewesen sein, seine Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Kanzleramtschef Bernd Schmidbauer ist ebenso bewiesen wie Einsätze für das Bundeskriminalamt oder den Verfassungsschutz.

Aber diese strahlenden Zeiten sind vorbei. Derzeit muss sich Werner Mauss vor dem Bochumer Landgericht wegen des Vorwurfs der Steuerhinterziehung in Millionenhöhe verantworten, den er bestreitet. Aber auch sonst mag keiner mehr so recht mit ihm zu tun haben, vor allem in den Behörden. Eine Ausnahme soll allerdings Manfred Nötzel sein, der Ende 2015 zum Generalstaatsanwalt berufen wurde. Die beiden schätzten einander nach wie vor, heißt es. Auf Nachfrage lässt der Generalstaatsanwalt ausrichten, er werde sich nicht äußern, weder zur Personalie Mauss noch zur Identität des möglichen Informanten. Schließlich sei man um Vertraulichkeit gebeten worden.