Nun ist es wieder passiert. Eine ungeschickte Bewegung nur, und die Demokratie ist sich auf ihre Achillesferse getreten. Erneut auf den schmerzhaftesten Punkt: die grundgesetzlich garantierte Rede- und Meinungsfreiheit.

In Zürich wurde nach hundertfachem Protest von Leuten aus der Kulturszene eine Diskussionsveranstaltung mit dem Philosophen, Sloterdijk-Schüler und AfD-Politiker Marc Jongen abgesagt, die für den 17. März am Theater Gessnerallee in Zürich geplant war. Die neue Avantgarde sollte sie heißen, und ein Einwand der Protestierenden lautete: Der AfD dieses schicke Qualitätssiegel anzubieten sei unangemessen. Ein anderer: Die Diskutanten seien nicht hinreichend kontrovers. Dem Propagandisten der "Zornpolitik" Jongen sei keine Bühne zu geben. Mit widrigem Erfolg: Einer, dessen rechtes Denken durch die Absage kein Gehör finden sollte, ist nun durch die Verhinderung seines Auftritts in aller Munde, zum Beispiel in diesem Artikel, und kann als Opfer der liberalen Demokratie besichtigt werden, die ihre Infragestellung angeblich nicht erträgt. Die mediale Kritik richtete sich schnell gegen die Linken, die nun die schöne Theaterfreiheit "politischen Musterungstests" (FAZ) unterzögen.

Man kann es offenbar gerade – um nicht zu sagen: in diesen Zeiten – als öffentliche Institution nur falsch machen: Mit den Rechten zu reden ist verkehrt, weil es sie aufwertet, aber es nicht zu tun hat denselben Effekt. So etwa, als jüngst das Theater Magdeburg den geladenen Gast Götz Kubitschek, den rechten Wortführer und Chef des "Instituts für Staatspolitik", wieder auslud. Nicht wegen Protesten von links übrigens, sondern auf persönliches Geheiß des CDU-Ministerpräsidenten Haseloff, der in dem geplanten Auftritt einen "Ritterschlag" für einen "rechtsextremen Ideologen" erkannte. Oder im Falle des AfD-Landeschefs André Poggenburg, der schließlich unter Polizeischutz aus dem Hörsaal der Uni Magdeburg geleitet wurde, weil Studierende ihn, nun ja, nicht hören wollten. Oder, denn es geschieht überall, in Köln: Dort wurde eine Diskussion mit dem AfD-Chef von Nordrhein-Westfalen, Marcus Pretzell, abgesagt. Noch ein Opfer.

Gut, manches Dilemma ließe sich ohne diskursive Aufrüstung vermeiden: Eine selbstbewusste Institution sollte niemanden wieder ausladen, den sie zuvor eingeladen hat. Dann trägt man den Streit eben aus, solange er sich im Rahmen der Legalität und der Brandschutzordnungen bewegt. Und setzt ruhig auf die eigene Resilienz gegen Kontaminationsgefahren. Augen zumachen hilft nicht. Der nächste Belastungstest der Achillesferse steht ins Haus. Für den 2. April war Alexander Gauland, AfD-Vize, im Burgtheater Wien zur öffentlichen Diskussion mit Soziologen und Populismus-Experten angekündigt, und nun ist aus organisatorischen Gründen, wie es von den Veranstaltern heißt, umgeplant worden.

Das Dilemma geht in Serie. Im Wahlkampfjahr wird immerfort etwas Lästiges wie ein unangenehmer Geruch aus dem demokratischen Bodenbelag in die Nase steigen, egal wie man den Raum parfümiert: die Frage, wer wo mit wem reden darf und wer nicht. Wo sind die Grenzen der Redefreiheit, gibt es eine rote Linie? Ein neues Gesellschaftsspiel: Jedes Theater, jede Talkshow, jede Universität, jede Kneipe wird je nach Lage und Radikalitätsgrad des Gastes eine eigene Antwort finden müssen. Die Einzelheiten regelt das Hausrecht. Das neue Normal: Kirchenvorstände und Elternräte üben sich ohnehin längst mit den Neuen, die Ämter nicht scheuen. Viele müde Liberale reagieren genervt. Auf ihrer Agenda standen andere politische Themen: Weltklimaverträge, Fleischkonsum, Afrikapolitik, Energie-Infrastruktur. Nun müssten sie ihre Agenda offensiv auch mit der AfD diskutieren. Nur redet die darüber nicht. Das ist anstrengend.

Wäre der Anlass nicht so angstbesetzt, ernst und lästig, wir dürften uns wohl über die lebhafte Politisierung freuen, die das Land erfasst hat: Der traute laue Grundkonsens unter mittelmäßig informierten Wohlstandsbetriebsamen ist dahin, denn jetzt können einem bei jedem Kindergeburtstag, beim Zahnarzt oder in der Fußballkneipe unangekündigt die neuartigen Verunsicherungen begegnen. Es kann passieren, dass jemand, der offensiv anders denkt, den Anwesenden die Themen erzürnt hinballert, auf die sie nicht vorbereitet sind – die Sorge des Elternrats über das Flüchtlingsheim nebenan, die Angst vor den jungen Zuwanderern in der Nachbarschaft, den angeblichen staatlichen Kontrollverlust, den vermeintlichen geheimen Plan der Kanzlerin. Da hätte man gern jederzeit die amtlichen Daten zur Hand. Streiten bildet.

Aber das Politische ist nicht privat. Politisch gesehen ist in der institutionellen Ordnung der liberalen Gesellschaft gerade keineswegs Kindergeburtstag. Die Herausforderung ist ja ernst: nicht nur, weil gegenwärtig rechte Themen wie das von Frauke Petry geforderte Recycling des "Völkischen" sich mit kindlicher Nervigkeit als Aufmerksamkeitsbegehren in die offene Gesellschaft schieben; sondern weil die Funktionäre, die intellektuellen Protagonisten, die AfD-Eliten im Namen der Redefreiheit massiv in die Öffentlichkeit einer Gesellschaft drängen, deren entschiedene Gegner sie sind. Und Linke, in deren Geschichte Dutschkes Apo gehört, rufen nun zum Schutz der Institutionen. Ein Götz Kubitschek behauptet gegen die Regierung Merkel ein Widerstandsrecht nach Artikel 20, Absatz 4 des Grundgesetzes. Jongen redet von "ziviler Wehrhaftigkeit". Zorn, der zur Tat drängt, ist Programm.