Schon der erste Gang des Überraschungsmenüs ist ein verblüffendes Statement: Wir wollen nicht überraschen! Auf dem Teller liegen, hübsch angerichtet, genau die Antipasti, die man im besseren italienischen Restaurant erwarten würde: Caprese, Vitello tonnato und Carpaccio. "Vom Rind?", fragt der verwunderte Gast. Anderswo nehmen sie doch Thunfisch oder Rote Bete. Die Kellnerin versteht die Frage falsch, etwas Fürsorgliches kommt in ihre Stimme: "Ja, das ist rohes Fleisch. Mögen Sie so etwas?" Und plötzlich ist wieder Helmut Kohl Bundeskanzler.

Man mag sich nicht ausmalen, wo die deutsche Gastronomie ohne die Italiener heute wäre. Sie brachten Stil in die Wirtschaftswunderküche und einen ganzen Strauß bis dahin unbekannter Zutaten vom Olivenöl bis zu all den mediterranen Gemüsen. Die Frage ist nur, welche Impulse sie heute noch setzen.

Als das Gallo Nero in einem Winterhuder Eckhaus eröffnete, regierte schon Gerhard Schröder. Aber es ist unverkennbar ein Italiener alter Schule mit charismatischem Patron, rot getünchten Portalen und Batterien von leeren Weinflaschen auf den Fensterbänken. Die Preise sind noch wie vor einigen Jahren; und man ist sich nicht zu fein, auch Pizza anzubieten.

Das rohe Fleisch schmeckt ausgezeichnet, und noch besser ist der frische, feste Büffelmozzarella, untermalt von der Säure der Datteltomaten und dem süßlichen Basilikum. Auch das war ja eine italienische Lektion: Alles steht und fällt mit den Produkten – und hier sind sie gut. Nur der grüne Spargel im Februar müsste vielleicht nicht sein.

Der Pasta-Gang führt die ultraklassische Linie weiter: Bandnudeln, nicht al dente, trotzdem kernig, weil hausgemacht. Darauf nichts als Miesmuscheln und Scampi in einem feinen Kräutersud. Beim Hauptgang die erste und einzige Panne: Der Seeteufel versteckt sich mit Recht unter einem Tomatenbrei. Die Küche hat ihn nämlich hoffnungslos übergart. Aber auch das ist für etwas gut, nämlich um zu erleben, wie souverän der Service mit Beschwerden umgeht. Fünf Minuten später steht eine neue Portion auf dem Tisch, diesmal mit Wirsing und tadellos gebraten.

Zum Dessert empfiehlt der Ober "die Kalorienbombe". Auf der Karte steht das sehr gehaltvolle Gebilde aus Mascarpone und Espresso diplomatischer als Cremoso. Danach ist man satt und hat zudem den Kaffee eingespart.

Vielleicht, denkt sich der Gast beim Grappa, mögen Deutsche ja gerade das an "ihrem" Italiener: dass er seit dem ersten Kulturschock vor Jahrzehnten Beständigkeit bietet – immer wieder die gleichen Gerichte in verlässlicher Qualität. In dieser Kategorie gehört das Gallo Nero zu den besten Restaurants der Stadt.

Der Grappa ist passenderweise von der runden und reifen Sorte. Er stammt von 1999, aus dem Eröffnungsjahr. Irgendwie hat sich ein A vom Etikett gelöst und schwimmt wie eine rätselhafte Botschaft im Glas. Die Kellnerin schaut versonnen drein, dann bringt sie ein neues.

Gallo Nero, Sierichstraße 46, Winterhude. Tel. 27 09 22 29, www.gallo-nero.net. Geöffnet täglich 11.30 Uhr bis Mitternacht. Hauptgerichte um 23 Euro