Ruth Loah habe ihm, sagte Helmut Schmidt immer wieder, nach dem Tod seiner Frau Loki das Leben gerettet. Und so war es wohl. In seinem tiefsten Schmerz hat ihr Zuspruch ihn wiederaufgerichtet. Dafür war er ihr bis an sein Lebensende unendlich dankbar.

Helmut Schmidt und Ruth Loah kannten sich seit den fünfziger Jahren. In den frühen Wahlkämpfen zogen sie mit dem Kleistereimer los und klebten in Hamburg-Nord Plakate für die Sozialdemokraten. Bei einem Abendessen zu Schmidts 94. Geburtstag schwärmten sie von den alten Zeiten, als andere Genossen noch Helmut Schmidt davon abhalten mussten, sich mit den Kommunisten zu prügeln, wenn diese die Plakate der SPD abrissen.

Im Jahr 1956, Helmut Schmidt war inzwischen Bundestagsabgeordneter und teilte sich sein Bonner Büro mit dem SPD-Parlamentarier Hellmut Kalbitzer, wurde Ruth Loah Sekretärin der beiden. Sechs Jahre später ging sie als Chefsekretärin des frischgebackenen Innensenators mit Schmidt nach Hamburg. 1971 kehrte sie wieder nach Bonn zurück und arbeitete an der Seite des Ministers und späteren Kanzlers Schmidt.

Als Helmut Schmidt aus dem Bundestag ausschied, wurde Ruth Loah am 1. März 1987 im Zeitverlag als "persönliche Referentin des Verlegers Helmut Schmidt" angestellt. Damals lernten wir uns kennen, denn mein Büro lag schräg gegenüber auf der anderen Seite des Flurs. Eine freundliche, hilfsbereite, selbstbewusste und bisweilen energische Frau, die vor allem zweierlei auszeichnete: Loyalität und Diskretion.

Die Ehepaare Schmidt und Loah waren über Jahrzehnte miteinander befreundet, die Männer segelten gemeinsam auf dem Brahmsee. Nach Lokis Tod – Ruth Loahs Mann war schon Mitte der neunziger Jahre gestorben – wurde aus der Freundschaft eine späte Liebe. Auf anrührende Weise sorgten die beiden sich umeinander. Bei seinen großen Reden, bei Empfängen und formellen Abendessen war sie nun an seiner Seite, obwohl sie das Licht der Öffentlichkeit nicht suchte und nicht schätzte. Lieber bewirtete sie gemeinsame Gäste in Helmut Schmidts Langenhorner Bungalow. Sie selbst wohnte nicht dort, sondern war nach einer Operation in das Augustinum an der Elbe gezogen. Als sie damals im Krankenhaus lag, sagte Schmidt: "Das ist gegenwärtig eine größere Sorge für mich als die Ukraine oder Putin oder als Obama."

Als altes Paar gingen die beiden noch einmal auf Reisen, mit einem Hurtigruten-Schiff an Norwegens Küste entlang nach Norden. Im Winter. Sie liebte diese Strecke, trotz Kälte und Dunkelheit. Er ertrug es knurrend.

Einmal erzählten die beiden, wie sie am Abend zuvor Bachs Goldberg-Variationen gehört hätten, in einer Aufnahme von Glenn Gould. Über eine Stunde hätten sie gelauscht. Der fast taube Schmidt, der eigentlich keine Musik mehr hören konnte, vermochte der Aufnahme zu folgen, da er die Goldberg-Variationen einst selbst gespielt hatte.

Mit Abenden wie diesen haben sich die beiden am Ende eines langen Lebens beschenkt. Am 23. Februar 2017 ist Ruth Loah im Alter von 83 Jahren in Hamburg gestorben.