Die SPD, so weit ist es schon gekommen, will sich etwas trauen. Angela Merkel, so hieß es bisher, sei nur im Team zu schlagen. Wenn die Genossen Martin Schulz an diesem Sonntag in der Berliner Arena zum neuen Parteichef und zum Kanzlerkandidaten wählen, wird er allein im Zentrum stehen, auf einer kleinen roten Bühne. Kein Präsidium, kein Podest, kein Team. Nur der Kandidat – und das Volk. Eine Mini-Bühne mit gleich zwei großen Botschaften: Ich, Martin Schulz, bin stark genug, die Kanzlerin zu schlagen. Und: Ja, ich will!

Wer Schulz in diesen Tagen begegnet, erstaunt über einen SPD-Kanzlerkandidaten, wie man ihn seit den Zeiten des Zaunrüttlers Gerhard Schröder nicht mehr erlebt hat: Da drängt einer mit jeder Faser an die Macht. Vor sechs Wochen hätten das alle lächerlich gefunden, jetzt wirkt es auf viele mitreißend. Und das, obwohl – vielleicht ja auch weil – man vom Kandidaten bis dato nur das Große (will Kanzler werden) und das Kleine (Detailreparatur am Arbeitslosengeld I) weiß, nicht aber das Zentrale: Mit wem will er eigentlich regieren?

Eine Woche nach den Schulz-Festspielen wählen die Saarländer einen neuen Landtag. Wenn danach Rot-Rot in Saarbrücken regiert – so sieht es laut Umfragen aus –, wird der Kandidat Schulz mit dieser einen Frage ganz bestimmt konfrontiert werden: Wie hältst du’s mit den Linken? Erstaunlich ist, dass man darüber nur wenig weiß.

In Brüssel spielten die Linken für Schulz keine Rolle. Als Präsident des EU-Parlaments war er Lordsiegelbewahrer einer informellen großen Koalition. Die Linken waren ihm so egal, dass er sie gern mal vorführte. Im Sommer 2015, kurz vor dem Volksentscheid der Griechen über das Eurorettungsprogramm, protestierte der Linken-Abgeordnete Fabio De Masi im Parlament mit einem Schild für ein Nein der Griechen. De Masi hatte darauf "OXI" geschrieben, griechisch für Nein – allerdings falsch herum. "Das müssen Sie umdrehen", riet Schulz vom Präsidentenstuhl aus. "Sonst heißt das ›IXO‹. Und ich weiß nicht, was das auf Griechisch bedeutet." Die Abgeordneten prusteten los, De Masi lächelte gequält. Und vergaß nicht. Als Schulz zum Kanzlerkandidaten gekürt wurde, verschickte der Linke per E-Mail ein böses Schulz-Psychogramm. Tenor: Der SPD-Hoffnungsmann sei ein schnöder Machtpolitiker, begeisterter Agenda-2010-Anhänger und überzeugter Groß-Koalitionär. Schulz, der Anti-Linke.

Doch es gibt noch einen anderen Schulz, den Kümmerer. Unbeachtet von der Öffentlichkeit, war er der Erste aus der SPD-Spitzenriege, der mit dem aus der Partei ausgetretenen Ex-Parteichef Oskar Lafontaine wieder Kontakt aufnahm. Die beiden können bestens miteinander. Für Schulz blieb Lafontaine auch dann stets Oskar, als er für andere nur noch "der Verräter" war. Die Nähe zu Lafontaine liegt bei Schulz in der Familie. Sein Vater, ein Bergmann aus dem Saarland, war schon Anhänger Lafontaines, als der noch als Oberbürgermeister von Saarbrücken gegen Kanzler Helmut Schmidt stichelte. Seit dieser Zeit kennen sich auch der jüngere Schulz und Lafontaine. Der Kontakt riss nie ab. Im Herbst 2016, als Schulz schon für seine Kandidatur warb, fuhr er wieder ins Saarland. Und am Rande der Wahl von Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten steckten die beiden so auffällig die Köpfe zusammen, dass Linken-Politiker in der Nähe neugierig wurden.

Auch zu anderen Spitzenpolitikern der Linken pflegt Schulz ein entspanntes Verhältnis: Viele von ihnen traf er in seiner Funktion als Parlamentschef in Brüssel. Mit Gregor Gysi hält er regen Kontakt. Bernd Riexinger und Katja Kipping, die aktuellen Parteivorsitzenden, empfing er erst kürzlich in seinem Büro. Kontaktpflege mit offenem Ausgang.

Die Roten hatten es mit den Roten nie leicht – und umgekehrt. Der Bruderkuss von Oskar Lafontaine und Gregor Gysi – das im Juni 2005 geschlossene Wahlbündnis aus westdeutscher Wahlalternative für Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) und ostdeutscher PDS – hatte für die SPD fatale Folgen: Äußerst knapp verlor sie die Bundestagswahl im Herbst 2005. Seitdem kennt sie das Kanzleramt nur als Besucher.

Das Verhältnis zur 2007 gegründeten Linkspartei hat seitdem jeden SPD-Vorsitzenden geplagt. Franz Müntefering empfindet nicht nur Lafontaines Seitenwechsel bis heute als Verrat, sondern viel mehr noch dessen Streben, der SPD größtmöglichen Schaden zuzufügen. Kurt Becks Fall war nicht mehr aufzuhalten, als er 2008 in Hessen just jener Regierung unter Einschluss der Linken seinen Segen gab, die seine Partei zuvor für ausgeschlossen erklärt hatte. Sigmar Gabriels Glaube an eine rot-grüne Zukunft wiederum war nach zwei desaströsen Wahlen so erschüttert, dass die SPD 2013 den Beschluss fasste, keine Koalition mit der Linken im Bund mehr auszuschließen – wenngleich sie noch längst nicht überwunden haben, was sie bisher trennt: in der Sozialpolitik, in ihrer Haltung zur Nato, zu Europa, zu Russland.