Die Klage ist alt. Voll Frust gestand sich Goethes Faust ein, dass er zwar Philosophie, Jura, Medizin und Theologie studiert habe, er sich aber der "Magie" hingeben müsse, um vielleicht doch noch zu erfahren, "was die Welt / Im Innersten zusammenhält". Seitdem hat sich in Sachen Wissen einiges getan. Wir wissen viel, sogar sehr viel. Doch ob die Welt, dieses global village, irgendetwas zusammenhält, ist nicht so klar. Tagtäglich streifen wir durch digitale Wälder und haben dabei den Baum der Erkenntnis aus den Augen verloren – fürs große Ganze fehlt der Gärtner. Da bietet sich ein Dichter an: Steffen Popp. Er will’s richten.

Sein neuester Gedichtband hat einen seltsamen Titel: 118. Doch der Autor lässt den Leser nicht Rätsel raten, sondern erklärt: "Das Periodensystem der Elemente enthält im Jahr 2017 118 definierte Elemente, davon 90 natürlichen Ursprungs. Letztere sind die materielle Grundlage der Welt – nichts, was nicht aus ihnen bestünde." Das Periodensystem stellt alle chemischen Elemente dar: "H" bedeutet "Wasserstoff". In Popps Gedichtband steht "H" allerdings für "Holz"; als Gedichttitel und als Assoziationsbasis für den Inhalt ("Einbaum", "Ex-Laubträger", "Traumform von Stein"). "He" ist das Symbol für "Helium", bei Popp ergibt es das Gedicht Herbst, in dem zu lesen ist: "so ist Oktober rot / ständiges Bluten einer okkulten Wunde". Die 118 chemischen Elemente sind, naturwissenschaftlich gesehen, das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Der Dichter legt das Ganze auf die Sprache um: "Ziel und Spiel dieses Buches ist es, eine ›elementare‹ Auswahl dieser Gegenstände poetisch zu fassen – von Salz bis Esprit, von Monster bis Flaum, von Parallelerde bis Kresse und Zeug."

Der Begriff "Gegenstände" ist da etwas irreführend. Zwar verfasst Steffen Popp Gedichte mit Element-Titeln zu konkreten Gegenständen wie "Fenster" oder "Krautpflanze" und zu den vier Elementen "Erde", "Feuer", "Luft", "Wasser", aber das ist nicht alles. Eine ganze Reihe von Tieren treten auf, unter ihnen das seltene "Einhorn", aber auch Abstrakta wie "Liebe", "Dauer" und "Dank". Auffallend ist, dass Popp äußerst gern mit Zeilensprüngen arbeitet. Dadurch werden die Verse über die Zeilengrenze hinweg verbunden, und der Leseduktus nähert sich dem der Prosa an. Lautmalerei und Anagrammatisches führen zu Assoziationsblitzen ("Parade der Sachen" zu "Parade von Aschen") bis hin zum Lautgedicht: "Der Ylyfant gryßt ryber." Wortneubildungen gibt es zuhauf ("Fruchtvampire", "Leuchtmorchelgifte"). Und manchmal winkt einem pseudowissenschaftlicher Nonsens: "Die alte Atomuhr / in Omas post-kubofuturistischem Mostkeller".

Natürlich kann man Steffen Popps Gedichtband ganz klassisch mit dem ersten Gedicht beginnen. Das Einstiegselement lautet "Fenster". Und gleich ergibt sich ein "Klirren, mikrofein, Knistern", wie man es vom "Eisblumenfenster" her kennt. Doch auch das stinknormale Fenster gibt es bei Popp, mit "Rahmen, Kitt. Spuren von Vogelkrallen". Aus diesem lyrischen Fenster sollte man sich weiter hinauslehnen, in die ganze Pracht der Gedichte – und bei irgendeinem Element weiterlesen. Manchmal geht es elegisch zu, etwa in Tarnkappe / Fieber. Man ist "Unsichtbar: ein Cap von Zwergenhand", was letztlich bedeutet: "O, diese Materie ist flüchtig. Geisterhaft." Das Gedicht mit dem Elemente-Wort "Schneefall" setzt mit diesem ein: Es schneit und schneit – "archaisches Gleißen" –, und es scheint, als komme man "aus dem All" und denke: "eines der Shuttles sein". Steffen Popp ist natürlich kein Dichter, der einen in den Schoß von Mutter Natur betten möchte oder gar lyrisch menschelnd einlullen will. Die "Liebe" ist sicher ein hohes Gut, doch man kann auch von "Liebe faseln". Dann kann es sein, dass "märchengestaltige Chiffren / irres Dekor" ergeben, also "elegisch Schimmel bilden".

Wer wie Steffen Popp aus dem Vollen der Sprachelemente schöpft, der weiß auch, dass Sprache eine fragile Angelegenheit ist. Gerade im tagtäglichen Wortschwall verliert sich ihre Struktur. Die produktive Aufgabe des Dichters: "Begriffe / die man sich nicht machen kann" trotzdem machen. Und zwar durch lyrische Sprachneuschöpfung. Das mag ein wenig romantisch und zugleich unvernünftig anmuten. Den Dichter kümmert es wenig: "Scheinbar Vernunft, ich trinke nicht deine / tollen Drinks. Und trinke, anders, doch."

Im Gedicht-Element Idylle ist zu lesen: "Ein Brennglas sei Göthe". Ja, der junge Goethe hatte bei seinen Naturstudien diesen Gegenstand zur Hand. Auch er war wie sein Faust eine Forschernatur. Wenn man nun des Doktor Faustens Sehnsucht nach "Magie" mit Steffen Popps lyrischer Chemie-Struktur verbindet, kommt man zur "Alchimie". Der wilde junge Dichter Arthur Rimbaud sprach von der "Alchimie des Worts", fand, dass Vokale Farben gleichen und Konsonanten instinktiv Rhythmen. Der Dandy-Poet Charles Baudelaire wiederum verfasste das Sonett Correspondances, in dem er von geheimen "Korrespondenzen", Verbindungen zwischen stummer Natur und des Menschen Sprache, ausging.

Das alles findet man auch bei Popp: Die Kraft der Assoziation und der Imagination stiftet Beziehungen. Diese Gedanken-, Wort- und Bildverbindungen mittels Sprache aber sind kein einfaches Unternehmen. Als Dichter muss man das Mittel der Lautmalerei, das feine Jonglieren zwischen Bedeutungsebenen kennen, ein rechtes Gefühl für das Vokabular seiner Zeit und vergangener Zeiten haben, ebenso für Wortneubildungen. All das beherrscht Steffen Popp.

Auf einen Bruder im Geist verweist er im Band 118 selbst. Ein Gedicht-Element heißt Blüthenstaub. So lautet auch der Titel des Fragmente- und Notatebandes von Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis. Popp zitiert aus diesem: "Wir sind auf einer Mißion: zur Bildung der Erde sind wir berufen." Auch wenn das von Popp ein wenig ironisch gemeint ist, so weiß er, welch wichtigen Gedankenschritt Novalis für die Poesie getan hat. Dieser Dichter der Romantik war eine faustische Natur: Neben Jura und Philosophie hatte er Bergwerkskunde, Mathematik und Chemie studiert. In seinem Projekt der "Enzyklopaedistik" versuchte er, naturwissenschaftliche Erkenntnis mit der "Fantasie" der Dichtkunst zu einem höheren Ganzen zu verbinden. Denn es gilt: "Der Mensch ist eine Analogienquelle für das Weltall." Mag sein, dass Sprache ein "Traummaterial" abgibt, wie Popp schreibt, zugleich ist sie ein handfestes, irgendwie wissenschaftliches Material: "Traum aber, mit dem All verwachsen".

Was einem der Poeta doctus Steffen Faustus Popp zeigt, ist klar: Es ist die Sprache, die die Welt im Innersten zusammenhält. Und wenn wir nicht gerade beim Twittern im Telegrammstil zwitschern, merken wir es auch. Beim Lesen von Popps Gedichtband 118 geht ein Ruck durchs Gehirn: Sprache ist so was von "bildkräftig", ist "Glamour", also der "Perfect Lover". Mehr kann Dichtung nicht leisten.

Steffen Popp: 118
Gedichte; Kookbooks Verlag, Berlin 2017; 144 S., 19,90 €