Eine Woche danach bin ich froh, die heftigen Diskussionen endlich hinter mir zu haben. Es war ein unschönes Gefühl, nicht mehr Beobachter, sondern plötzlich Gegenstand einer Debatte zu sein.

Als es für mich ungemütlich wurde, machte der türkische Außenminister gerade Selfies mit seinen Anhängern. Es war am Dienstag vergangener Woche, kurz nach acht. Ich stand mit einer Kollegin im Garten des türkischen Konsulats an der Außenalster. Oben, auf der Veranda, hatte bis eben Mevlüt Çavuşoğlu gesprochen. Unten, auf dem Rasen, jubelten ihm etwa 300 Menschen zu. Sie schwenkten Türkei-Flaggen, filmten den Außenminister mit ihren Handys. Ein Mann neben mir hielt einen Schal in die Luft, wie es Fußballfans tun, die Aufschrift: "Recep Tayyip Erdoğan".

Angesichts der Szene, in deren Mittelpunkt ich wenig später geraten würde, haben mich inzwischen Vertreter des Senats und vieler politischer Parteien ihrer Anteilnahme versichert. Der deutsch-türkische Unternehmerverband UETD, dessen Mitglieder als geladene Gäste bei Çavuşoğlus teils mit auf der Bühne standen, hat sein Bedauern ausgedrückt.

Es regnete, vor dem Ministerauftritt heizte ein Moderator die Stimmung an: "Seid ihr bereit?", schrie er auf Türkisch. "Ja", schallte es zurück. Dazwischen liefen türkische Popsongs, die Erdoğan und die Türkei feierten. "Türkei, wir würden für dich sterben", übersetzte meine Kollegin.

Einige der Anwesenden kannte ich von früheren Recherchen. Sie erklärten mir, warum sie für das Referendum stimmen wollen. Die Türkei, sagte einer, benötige noch zehn Jahre, bis sie es sich leisten könne, wirklich demokratisch zu sein. Erdoğan brauche Macht, um das Land stark zu machen. Wir mussten einander ins Ohr schreien, weil es so laut war, aber die Gespräche waren freundlich.

Dann trat Çavuşoğlu ans Rednerpult. Deutschland, rief er ins Mikrofon, mische sich in die türkische Politik ein. Deutschland, sagte er, habe offenbar Angst, dass die Türkei zu stark werde. Und das widere ihn an: Deutschland unterdrücke systematisch die Deutschtürken.

Die Leute riefen "Recep Tayyip Erdoğan", manche reckten ihre rechte Hand in die Höhe und machten den Wolfsgruß, das Zeichen türkischer Nationalisten.

Währenddessen dachte ich an meinen Kollegen Deniz Yücel, der in der Türkei im Hochsicherheitsgefängnis von Silivri sitzt. Ich habe früher für die taz gearbeitet, daher kenne ich ihn persönlich, wenn auch nur flüchtig. Inzwischen ist er Korrespondent der Welt und in der Türkei angeklagt wegen "Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung". Dabei hat er einfach seinen Job gemacht.

Im Garten des türkischen Konsuls spielte Deniz Yücel keine Rolle. Ich hatte nichts anderes erwartet, aber es ärgerte mich. Ein türkischer Minister führte sich als lupenreiner Demokrat auf, und die Leute jubelten ihm dafür auch noch zu.

Kurz entschlossen nahm ich eins der Blätter, die um mich herum in die Luft gehalten wurden. "Evet Hamburg" stand darauf, Hamburg sagt Ja zum Referendum, soll das heißen. Auf die Rückseite schrieb ich: "FREE DENIZ".

Mir ist bewusst, dass ich in diesem Moment meine Rolle als Journalist verlassen habe, dass ich zu einem Aktivisten für die Pressefreiheit geworden bin. Auch wenn es einer guten Sache dienen sollte, war das ein Fehler. Falsche Zeit, falscher Ort. Bisher habe ich mich nie auf einer politischen Veranstaltung, über die ich berichtete, mit Parolen zu Wort gemeldet.

In diesem Moment aber, während der Rede Çavuşoğlus, kam es mir falsch vor, bloß die Propaganda des Ministers mitzuschreiben, während Deniz Yücel in einer Zelle sitzt. Also hielt ich das Plakat hoch.

Es dauerte ungefähr drei Sekunden, bis eine junge Frau neben mir mein Schild gelesen hatte. Sofort schrie sie: "Ein Provokateur, ein Provokateur!" Der Junge, der mir das Plakat gegeben hatte, riss es mir aus der Hand. Von hinten schlugen Männer mit ihren Türkei-Flaggen auf mich ein, ein Mann packte mich und stieß mich in die Menge. "Raus hier", blaffte er. Um mich herum war ein Gedränge, jemand schubste mich, jemand schlug mir ins Gesicht, meine Brille flog herunter.

Sekunden später stand ich am Ausgang. Ohne Brille konnte ich die vier, fünf Männer um mich herum nur schemenhaft erkennen. Sie drängten mich an die Mauer des Konsulats. "Verpiss dich von hier, oder dir passiert was", zischte ein Mann. "Du verdankst es Erdoğans Menschlichkeit, dass du noch lebst", sagte ein anderer. Je länger es dauerte, desto aggressiver wurde die Stimmung, also zwängte ich mich zwischen den Männern hindurch und stolperte davon.

Als mein Bericht auf ZEIT ONLINE veröffentlicht wurde, hagelte es Kommentare, Mails und Tweets. Viele Deutschtürken feierten mich für meine Aktion, einige beleidigten mich schwer. Ich halte mein Verhalten für einen Fehler – aber nicht für derart aufwieglerisch, dass Beleidigungen oder Gewalt gerechtfertigt sind.