Wenige Tage nach seiner Amtseinführung machte der neue amerikanische Präsident eine bemerkenswerte Entdeckung. "Niemand konnte wissen, dass Gesundheitsvorsorge ein derart kompliziertes Thema ist", räumte Donald Trump ein, nachdem er zuvor mit den Vertretern der Bundesstaaten darüber gesprochen hatte, auf welchem Weg sich wohl die Gesundheitsreform von Barack Obama zurückdrehen lasse – denn genau das hatte Trump im Wahlkampf angekündigt.

Der Satz ist allerdings nicht ganz korrekt: Die ökonomischen Grundlagen einer funktionierenden Krankenversicherung sind recht einfach zu verstehen. Kompliziert wird die Sache allein dadurch, dass sie nicht zur republikanischen Ideologie unregulierter Märkte passen. Deshalb ist der derzeitige Streit über die amerikanischen Krankenkassen ein Lehrstück über den Populismus und seine Grenzen.

Jede Versicherung ist im Kern eine Solidargemeinschaft: Mit den Beiträgen der Versicherten werden im Schadensfall die Leistungen für die Geschädigten finanziert. Und weil es in der Regel mehr Versicherte als Geschädigte gibt, lassen sich mit vergleichsweise geringen Beiträgen große Schäden absichern. Eine Haftpflichtversicherung beispielsweise kostet ein paar Euro im Jahr, zahlt aber, wenn es ernst wird, auch ein paar Tausend Euro aus.

Das klappt allerdings nur, wenn auch genug Menschen eine Versicherung abschließen – und das ist, gerade wenn die Beiträge steigen, nicht selbstverständlich. Deshalb sind Versicherungen für Kraftfahrzeuge fast überall auf der Welt vorgeschrieben, und deshalb ist in den meisten europäischen Ländern auch die Krankenversicherung Pflicht. Weil die Menschen sich nicht freiwillig zusammenfinden, greift der Staat ein und schafft ein Zwangskollektiv.

Wenn er das nicht täte, würden sich junge, gesunde Menschen mit geringem Krankheitsrisiko wahrscheinlich nicht versichern, wodurch für die verbliebenen Älteren und Kranken die Beiträge nach oben schnellen würden, sodass sich viele den Schutz nicht mehr leisten könnten. Aus diesem einfachen Grund hat nicht einmal Margaret Thatcher den Versicherungszwang aufgehoben, als sie in Großbritannien regierte und die neoliberale Wende einleitete. Und aus diesem Grund hat Obama neben Zuschüssen für Geringverdiener Strafzahlungen für Menschen eingeführt, die sich nicht versichern.

Doch was in den meisten zivilisierten Staaten Konsens ist – dass die Menschen einen Anspruch auf eine anständige Gesundheitsversorgung haben –, ist aus Sicht der Republikaner "unamerikanisch", weshalb sie die Versicherungspflicht abschaffen und die Zuschüsse durch Steuererleichterungen ersetzen wollen. Die Folge: Nach unabhängigen Schätzungen würden so bis zu 24 Millionen zumeist ältere Amerikaner in den kommenden Jahren ihren Krankenversicherungsschutz verlieren. Für Donald Trump ist das ein Problem, weil er im Wahlkampf das Gegenteil versprochen hat, nämlich einen Versicherungsschutz für alle, der zugleich billiger und besser sein werde als unter Obama – und natürlich ganz ohne staatliche Eingriffe.

Anders gesagt: Donald Trump ersetzt die Politik der Menschenverachtung durch eine Politik des Unmöglichen. Es ist ein Wesensmerkmal populistischer Politiker rechter wie linker Provenienz, die Existenz von Zielkonflikten und anderen Unannehmlichkeiten des politischen Tagesgeschäfts zu leugnen. Auch Marine Le Pen gibt bekanntlich an, die Schwierigkeiten Frankreichs ganz einfach durch einen Austritt aus der Europäischen Währungsunion lösen zu können.

Doch es hat schon seinen Grund, weshalb die etablierten Parteien in solchen Situationen in der Regel keine einfachen Lösungen parat haben: Es gibt sie nicht. Die Lösungen sind anspruchsvoll, weil es die Probleme ebenfalls sind. Im Fall der Gesundheitsversorgung bedeutet das: Entweder der Staat zieht sich zurück, dann können sich die Armen den Besuch beim Arzt nicht länger leisten. Oder er greift ein, dann gibt es den freien Markt nicht mehr.

Vielleicht kann Donald Trump mit ein paar geschickt platzierten Tweets von diesem Dilemma ablenken, doch früher oder später wird er es mit dem größten Feind jeder populistischen Politik zu tun bekommen: der Realität.