Sieben Milliarden Euro Gewinn, über zehn Millionen verkaufte Autos, mehr als sieben Millionen Euro Gehalt für Konzernchef Matthias Müller. In Zahlen ausgedrückt, ist Volkswagens Bilanz für 2016 beeindruckend. Noch eindrucksvoller aber ist, mit welcher Jovialität der gesamte Vorstand den größten Betrug in der Konzerngeschichte am Dienstag als ein lästiges Thema von gestern beiseitegeschoben hat.

Das Jahr 2016 sei für Volkswagen "viel mehr als Diesel" gewesen, betonte Müller. Dann zählte er auf, was alles erreicht wurde: ein neues Geschäftsfeld "Mobilitätsdienstleistungen" wurde geschaffen, Elektroautos sollen schon bald millionenfach verkauft werden, und für 2017 heißt es nun ganz einfach "Volle Kraft voraus".

Ach, wäre es doch so einfach.

Es gibt da nur ein Problem: Für Millionen Kunden des Viele-Marken-Konzerns (VW, Audi, Škoda, Seat) ist Volkswagen im Jahr 2016 fast nur Diesel gewesen. Weil sie den Motor ihres VW oder Audi nachrüsten sollten, bekamen die Kunden Post aus Wolfsburg oder Ingolstadt. Der Konzern ihres einstigen Vertrauens hatte sie zuvor betrogen. Bis heute rätseln VW-Fahrer (und solche anderer Konzernmarken): Läuft der Motor auch nach dem sogenannten Software-Update reibungslos? Sinkt der Wiederverkaufswert, wenn ich nachrüste? Haftet der Hersteller, wenn was schiefläuft?

Lauter Fragen, mit denen die Kunden weitgehend allein stehen. Viele hätten für all den Ärger gern eine Entschädigung, und sei es ein symbolischer Betrag von 1.000 Euro je Auto. Alles Themen, die die Käufer auch 2017 weiter diskutieren werden. Los werden die Vorstände das Thema so schnell nicht.

Es stimmt, in den USA hat der Konzern viel erreicht. Er hat sich mit Käufern, Händlern, Behörden und weiteren Klägern verglichen und muss dafür mehr als 20 Milliarden Euro bezahlen.

Selbst dort ist der Skandal längst nicht ausgestanden. Bald steht in Detroit ein VW-Ingenieur vor Gericht und wird sich wegen des Betrugs verantworten müssen. Der Prozess wird weitere Details an die Öffentlichkeit bringen.

Und auch in Deutschland gehen die Prozesse erst los. In Braunschweig klagen Hunderte Anleger auf Schadenersatz. Anleger, die kurz vor Auffliegen des Skandals VW-Aktien gekauft haben und gern entschädigt werden möchten dafür, dass die Aktie mit Bekanntwerden des Betrugs über Nacht deutlich an Wert verlor – während der Vorstand vermutlich längst Bescheid wusste.

Über all das verlor Müller kein Wort. Kein Satz der Reue darüber, dass es Autobauer wie VW waren, die mit an Rechtsbruch grenzender Chuzpe jahrelang und vorsätzlich viel mehr Abgase als nötig in die Luft bliesen. Fahrverbote, wie in Stuttgart angekündigt, sind auch eine Folge von Volkswagens Größenwahn. Umweltgesetze, das müssen Richter gerade mühsam und Stadt für Stadt verhandeln, gelten eben nicht nur im Labor, sondern auf der Straße. Und da sind die Diesel bis heute zu oft schmutzig. Die Deutsche Umwelthilfe hat gerade neue Tests vorgelegt, wonach ein Euro V Golf Diesel auch nach der Umrüstung die Stickoxidgrenzwerte um das Dreifache überschreitet. Darauf angesprochen, mag Müller das gar nicht glauben nach all den Tests, die man gemeinsam mit der zuständigen Aufsichtsbehörde, dem Kraftfahrt-Bundesamt, gemacht habe.

In Amerika entschädigt VW nicht nur Käufer, sondern zahlt auch in einen Umweltfonds ein und unterstützt die Nutzung von Elektroautos mit Millionen Euro. Warum Ähnliches in Europa nicht möglich sein soll, bleibt Müllers Geheimnis. Zumal VW in der EU ein Vielfaches an manipulierten Fahrzeugen unter die Leute gebracht hat.

Volkswagen will bis 2025 der größte Autobauer der Welt bleiben. Das kann den Wolfsburgern gelingen. Aber eine Marke, auf die Deutschland richtig stolz sein kann, wird VW so schnell nicht wieder werden.