Kurz vor der Jahrtausendwende schlug der Historiker Dan Diner vor, sich dem 20. Jahrhundert von den Rändern des Geschehens, von räumlichen Peripherien her anzunähern. Die neuen Sichtachsen sollten ein besseres Verständnis ermöglichen. Der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum, der zuletzt ein Buch über die rot-grüne Ära der Bundesrepublik vorgelegt hat, geht nun einen anderen Weg, um dieses Jahrhundert zu begreifen. Er zielt mitten hinein ins Geschehen. Dabei schaut er ausdrücklich von Europa, oft sogar von Deutschland aus auf die Ereignisse.

Wolfrum setzt also weniger auf eine Erkenntnis durch die entfremdende Distanz. Vielmehr ist es mit diesem Buch ein wenig wie bei Jahresrückblicken im Fernsehen: Die vergangene Zeit wird noch einmal aufgerufen wie in einem Panorama. Dem dienen auch die Zitate, die jedem Kapitel vorangestellt sind. Fast alle sind zu geflügelten Worten des 20. Jahrhunderts geworden.

Die Babyboomer-Generation des Autors mag sich an Wimmelbücher erinnern. Obgleich man alles zu kennen glaubte, konnte man sie immer wieder anschauen. In irgendeiner Ecke entdeckte man dann doch etwas Neues. Was ist nun anders an dieser Geschichte des 20. Jahrhunderts, das Historiker das "radikale", das "extreme", das "schrecklichste" Jahrhundert genannt haben? Jedenfalls wird keine überwölbende These angeboten.

Vielmehr will das Buch ein Jahrhundert der Widersprüche zeigen, fast alles erscheint vielgestaltig und ambivalent. Den ungeheuren menschlichen Errungenschaften steht eine beispiellose menschliche Barbarei gegenüber. Daher sind für Edgar Wolfrum etwa Genozide und Menschenrechte nur gemeinsam zu verstehen. Sie sind für ihn "koproduktive Gegenstücke". Das Grauen ist "nur die halbe Wahrheit".

Eindeutige Trends zu markieren erscheint dem Autor kaum möglich. Wo etwas eindeutig anmutet wie bei der Säkularisierung oder der Demografie, relativiert Wolfrum die Befunde als vordergründig. Was zunächst augenfällig erscheine, unterliege anschließend nicht selten einer "historischen Schubumkehr". Ein pralles und globales Jahrhundert auf weniger als 400 Seiten: Es spricht für den Autor, nirgendwo der Versuchung zu erliegen, einseitig zu werden.

Bei seinem Flug über das Jahrhundert folgt Wolfrum sechzehn unterschiedlichen Routen. Aus dieser Draufsicht wird ein Relief freilich nur durch kräftige Wertungen sichtbar. Wer war der Erste, wer am blutrünstigsten, welches Ereignis am dramatischsten? Nicht von ungefähr taucht Maos "Großer Sprung nach vorn" gleich an mehreren Stellen im Buch auf. Angenehm an diesem Ranking ist, dass es den Leser nicht mit Zahlenkolonnen traktiert. Aber wenn die Hungerkatastrophe von Biafra mit den zeitgleich entstehenden Weight Watchers konfrontiert wird, ist das Prinzip der Kontrastierung auch nicht leicht verdaulich.