DIE ZEIT: Nehmen wir mal an, die Welthandelsorganisation (WTO) würde heute aufgelöst. Was würde passieren?

Roberto Azevêdo: Es würde Panik ausbrechen.

ZEIT: Panik? In Deutschland?

Azevêdo: Sicher. Deutschland ist einer der größten Nutznießer des Welthandelssystems. Und die EU ist der zweitgrößte Kunde unseres Streitschlichtungsmechanismus, oft kommt der Impuls dafür aus Deutschland.

ZEIT: Freihandel ist für viele zum Schimpfwort geworden. Was sagen Sie Leuten wie Donald Trump, die die WTO für überflüssig halten?

Azevêdo: Wir sind die, die nach der wirtschaftlichen Depression in den dreißiger Jahren und dem Zweiten Weltkrieg wieder für Ordnung im System gesorgt haben.

ZEIT: Das ist viel zu lange her.

Azevêdo: Aber darum geht es doch bis heute. Darum, dass sich einseitige Aktionen von Regierungen nicht gegenseitig hochschaukeln und dann zu einer Wirtschaftsdepression führen, Jobs vernichten – und es manchmal sogar zu blutigen Konflikten kommt. Erinnern Sie sich noch an die Finanzkrise von 2008? Vergleichen Sie deren Wirkung mit der, die auf die Krise der dreißiger Jahre folgte. Damals kamen zwei Drittel des Handels zum Erliegen. Nach der Finanzkrise 2008 waren es gerade mal fünf Prozent des Handels. 95 Prozent funktionierten so wie bisher.

ZEIT: Und das lag an der WTO?

Azevêdo: Ja, es lag an den multilateralen Regeln und an der WTO. Daran, dass alle wussten: Wenn ich meine Grenzen offen halte, dann tun es die anderen auch. Dadurch ist die Situation nicht eskaliert. Wäre das geschehen, wäre die wirtschaftliche Lage heute weltweit viel schlimmer.

ZEIT: Was wäre passiert?

Azevêdo: Nehmen Sie Deutschland. Bei Ihnen hängt einer von drei Jobs am Export. Sie können sich leicht vorstellen, was passierte, würden andere Länder deutsche Exporte ausschließen: Ein Drittel der Jobs wäre weg. Außerdem würden gerade Leute mit geringem Einkommen weniger einkaufen können.

ZEIT: Warum fühlen sich dann gerade Arbeiter in Industrieländern vom Freihandel bedroht?

Azevêdo: Es ist immer leicht, einen Jobverlust vor allem auf billige Importe zu schieben. Aber das ist falsch. Wir haben Studien, die belegen, dass etwa acht von zehn Job aufgrund neuer Technologien verschwinden. Nur zwei durch den Handel. Sicher, Freihandel hat eine Wirkung auf Jobs. Entscheidend ist aber, wie Regierungen damit umgehen. Viele haben ihre Länder nicht für die Ökonomie des 21. Jahrhunderts fit gemacht. Die Bildungssysteme sind mangelhaft. Studenten erwerben an Universitäten Abschlüsse für Berufe, die es gar nicht mehr gibt. In vielen Gesellschaften gibt es gute Jobs nur für die oberen Schichten, die Armen sind ausgeschlossen – und das verstärkt die Ungleichheit zusätzlich. Sie müssten die Bildungssysteme besser pflegen, die Leute weiterbilden. Und sie brauchten ein Sicherheitsnetz für diejenigen, die ihre Jobs verlieren.

ZEIT: Arbeitern, die ihre Jobs wegen billiger Importe verlieren, sagen Sie: Bildet euch weiter?

Azevêdo: Ich sage: Ja, da gibt es ein echtes Problem. Es gibt Menschen, die ihre Jobs wegen billiger Importe aus dem Ausland verlieren, und für die braucht man Lösungen. Aber es ist für eine Volkswirtschaft viel billiger, die Leute zu stützen, die einen Job verloren haben – als die Jobs zu schützen. Handel zu stoppen wird jedenfalls nicht helfen. Nur ist es eben viel einfacher, die Schuldigen im Ausland zu suchen, statt nach Innen zu schauen und zuzugeben, dass es in der eigenen Wirtschaft Probleme gibt.

ZEIT: Wenn die WTO so toll ist, wie Sie behaupten, warum hört man so wenig von Ihnen?

Azevêdo: Wenn etwas funktioniert, dann halten die Leute es für selbstverständlich. Das ist so wie beim Auto. Um dessen Motor kümmert man sich auch erst, wenn es nicht mehr fährt. Genauso ist es mit der WTO. Gäbe es uns nicht, würden alle das schnell merken.

ZEIT: Donald Trump will Jobs durch eine Importsteuer schützen. Erlaubt die WTO das?

Azevêdo: Die WTO-Regeln erlauben bestimmte Zölle und Steuern. Wir haben um diese gemeinsamen Regeln jahrzehntelang gerungen. Wenn eine Regierung die nun missachtet, dann wächst die Gefahr, dass andere das auch tun.

ZEIT: Missachtet der amerikanische Vorschlag einer 35-prozentigen Importsteuer die Regeln?

Azevêdo: Dazu kann und werde ich nichts sagen. Denn noch liegt ja nicht einmal ein schriftlicher Vorschlag vor. Außerdem wäre dafür unser Streitschlichtungsmechanismus zuständig.

World Trade Organization (WTO) © ZEIT-Grafik

ZEIT: Dann helfen Sie mit einer grundsätzlichen Antwort: Können Importsteuern sinnvoll sein?

Azevêdo: Solche Steuern sind auf Dauer sinnlos. Sie haben aber eine lange Geschichte. Sie gehen auf die Frühzeit der industriellen Revolution zurück. Damals wollten Regierungen ihre junge Industrie vor der entwickelten ausländischen Konkurrenz schützen. Nach und nach stellte man dann aber in den Industrieländern fest, dass ebensolche Steuern die Preise für Produkte und die Inflation hochtrieben. Also senkten die Regierungen sie. In Entwicklungsländern passierte das später, die brauchten mehr Zeit.

ZEIT: Die USA sind kein Entwicklungsland.