Eine Idee, die nichts bringt, jeden ärgert und Jahr für Jahr ein wenig mehr in Verruf gerät? Die alljährliche Umstellung auf die Sommerzeit ist ein chronisches Ärgernis. Zwar blieb der Beweis für ihre Wirkung als Energiesparmaßnahme aus. Doch das konnte ihr genauso wenig anhaben wie eine wachsende Zahl von Indizien für ihre Nebenwirkungen.

Neu ist der Befund, die Taktstörung begünstige Fehlgeburten. Schon seit Jahren sammeln Wissenschaftler Hinweise auf Konzentrationsprobleme, erhöhten Schlaftablettenkonsum, eine größere Zahl von Herzinfarkten und Schlaganfällen in den Tagen nach der Zeitumstellung.

Dieses Bild ist weder vollständig noch widerspruchsfrei, denn es entsteht langsam und nachträglich, Studie für Studie. Das an sich ist schon ein bemerkenswertes Missverhältnis: Da wird der Alltagstakt von einer halben Milliarde Europäer gestört, aber nie hat man es für nötig befunden, gleichzeitig die Auswirkungen zu erforschen! Nicht nach 1980, als in Deutschland der Taktwechsel zum wiederholten Male eingeführt wurde. Nicht nach 2002, als die Europäische Union die Umstellung festschrieb, europaweit verbindlich und auf unbestimmte Zeit.

Inzwischen wissen Schlafforscher, wie wichtig der innere Rhythmus für die Gesundheit generell ist. Als sicher kann gelten: Am letzten Wochenende im März eine Stunde zu überspringen – das ist Stress für den Körper. Denn der tickt ja auch nach Echtzeit statt nach der Uhr.

Für eine Abschaffung dieser chronobürokratischen Maßnahme spricht auch die breite Ablehnung. 2016, also hundert Jahre nach der ersten Einführung einer Sommerzeit in Deutschland, waren drei von vier Befragten dafür, sie abzuschaffen. Wer sagt, dass eine Forderung nicht populär und richtig zugleich sein kann? Für die Ewigkeit spricht, dass sich die EU-Staaten auf die Zeitumstellung geeinigt haben. So ließe sich auch nur in Brüssel etwas dagegen unternehmen. Natürlich gibt es für die Europäer gerade viel drängendere Probleme. Wird es immer geben.

Aber schön wäre es schon, diese ausgeschlafener angehen zu können.

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