Auf der Rolltreppe liegen Scherben. Unkraut wuchert zwischen zerbrochenen Granitplatten, vertrocknete Baumstümpfe erinnern daran, dass hier einmal Palmen standen. Rolling Acres war früher das Shopping-Mekka in Akron im Bundesstaat Ohio. Jetzt gehört die Anlage zu den sogenannten dead malls – verlassene Einkaufszentren, die inzwischen überall in den Vereinigten Staaten zu finden sind.

Wie einst leer stehende Fabrikhallen vom Ende der industriellen Massenfertigung in den USA kündeten, sind diese Ruinen das Zeichen einer neuerlichen fundamentalen Umwälzung. Sie hat nicht nur verändert, wie die Konsumenten zwischen New York und San Francisco einkaufen. Sie verändert auch, wie die Amerikaner arbeiten. Während Donald Trump die Schuldigen für die verlorenen Arbeitsplätze in Mexiko und China sucht, sitzen die Verantwortlichen in Bentonville und Seattle. Dort haben die zwei Unternehmen ihren Sitz, die diese Entwicklung vorantreiben: Wal-Mart und Amazon.

Der Handelskonzern Wal-Mart aus der Kleinstadt Bentonville im Bundesstaat Arkansas ist eines der umsatzstärksten Unternehmen der Welt. Amazon ist der Marktführer im Onlinehandel und kommt aus Seattle im Staat Washington. Beide suchen weltweit nach Angeboten, um möglichst viele Kunden mit günstigen Preisen anzulocken. Damit verdrängen sie nicht nur andere Anbieter, weshalb so viele Läden und Einkaufszentren schließen müssen. Zugleich haben sie die Verlagerung von Millionen Arbeitsplätzen in Billiglohnländer beschleunigt und den Aufstieg Chinas zur Weltwirtschaftsmacht befördert.

Wal-Mart und Amazon verändern, wie die amerikanische Wirtschaft funktioniert – und das hat politische Konsequenzen. Vor allem in den einstigen Industrieregionen des Mittleren Westens und im Süden der USA, wo so gut wie alle Textilhersteller verschwunden sind und wo sich die meisten der leeren Fabriken und verödeten Einkaufszentren finden, fand Donald Trump seine Wähler. Bei den Verlierern der Einzelhandelsrevolution kamen die Tiraden gegen Billigimporte und sein Lob des "made in USA" besonders gut an.

Doch Trumps Rezepte gegen die Misere – hohe Importzölle, eine Mauer nach Mexiko und Druck auf Unternehmen, in den USA zu produzieren – werden die Entwicklung nicht umkehren. Denn es sind Rezepte für eine von der Massenfertigung getragene Wirtschaft, die es in dieser Form nicht mehr gibt.

Begonnen hat die Revolution schon 1950 in dem Provinzort Bentonville, tief im Süden des Landes. Damals übernahm Sam Walton einen Kramladen und begründete das Firmenmotto: "Jeden Tag Tiefpreise". Waltons Methode ist bis heute die Geschäftsgrundlage: Um Gewinn zu machen, suchte er nach Produzenten, die ihm immer billigere Ware lieferten.

Die Methode ist bis heute dieselbe geblieben, nur die Dimensionen sind andere geworden. 1988 eröffnete Wal-Mart das erste Supercenter, eine fußballfeldgroße Halle mit Spielsachen, Elektronik, Haushaltsgeräten, Kleidung, Möbeln – plus dem klassischen Angebot eines Supermarkts. Vor allem in ländlichen Gegenden und in Vororten wurde der Trip zu Wal-Mart zum Familienritual. Die lokale Konkurrenz an der Main Street hatte bald das Nachsehen. Wal-Mart indes erzielte im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von 486 Milliarden Dollar – das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt Österreichs. Jede Woche kaufen 260 Millionen Kunden in einem der 11.500 Läden ein.

Bald wurde Wal-Mart für viele Produzenten zum wichtigsten Kunden. Für Procter & Gamble zum Beispiel. Der Hersteller von Pampers und Ariel macht mit Wal-Mart jährlich knapp 14 Prozent seines gesamten Umsatzes, etwa zehn Milliarden Dollar, wie das Wall Street Journal vergangenes Jahr ermittelte. Bei Pepsi sind es 13 Prozent und bei Kellogg sogar 20 Prozent. Ein Viertel aller Lebensmittel in den USA verkauft Wal-Mart. Hunderte Hersteller von Markenprodukten haben Büros in Bentonville eröffnet, um nah bei ihrem Großkunden zu sein.