Nika sagt, dass in ihrer H&M-Filiale die Mehrzahl der Mitarbeiter als Flexkraft arbeitet. Laut internen Zahlen des Unternehmens waren im Jahr 2001 noch 48 Prozent normale Vollzeitbeschäftigte und 22 Prozent Arbeitnehmer auf Abruf. Im Jahr 2016 erhoben Betriebsräte die Werte in knapp 100 Filialen. Das Verhältnis hatte sich umgekehrt: Nur noch 26 Prozent der Verkäuferinnen arbeiteten regulär in Vollzeit, 42 Prozent als Flexkräfte. Allerdings sind das nur Schlaglichter. "Der Bereich ist kaum erforscht", sagt Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte vom DIW.

Eines aber ist in seinen Augen klar: Arbeit auf Abruf sei eine Beschäftigungsform, die alle Vorteile beim Arbeitgeber bündele. Alle Nachteile dagegen lägen bei den Beschäftigten. "Damit", so Brenke, "bietet das Gesetz den Unternehmen die Möglichkeit, das wirtschaftliche Risiko komplett auf ihre Angestellten abzuwälzen. Das geht schon in Richtung moderne Tagelöhner."

Mitarbeiter, die auf Abruf arbeiten, finden sich nicht nur im Handel, sondern auch in der Gastronomie, in der Pflege, unter Kurierfahrern, bei Medien und sogar bei Wohlfahrtsverbänden. Viele beschreiben, dass sie einen Arbeitsalltag in Dauerbereitschaft erleben. Laut Gesetz müssen Unternehmen vier Tage im Voraus ankündigen, wenn sie den Mitarbeiter einsetzen wollen. Eine Schutzklausel, die aber häufig ignoriert wird.

Ingo Fontaine, raspelkurzes Haar, Ohrring, Vater zweier Kinder, war über 17 Jahre lang Abrufkraft bei der LSG, der Lufthansa Service Gesellschaft. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben der größte Anbieter von Bordverpflegung – und nach Eindruck der Beschäftigten ein exzessiver Nutzer von Abrufkräften. Internen Dokumenten zufolge sind es allein am Frankfurter Flughafen über 300. Fontaine wurden in seinem Abrufvertrag 40 Stunden pro Monat fest zugesichert. Er arbeitete aber fast Vollzeit, hochflexibel, bereit, kurz nach dem Anruf zum Werk zu fahren. "Je mehr es auf das Ende des Monats zugeht, desto mehr fängt man an zu rechnen", sagt er. "Und dann nimmt man jede Schicht an, wenn es machbar ist", egal wie kurzfristig. Die LSG weist darauf hin, dass man sich an die Vorwarnfrist von vier Tagen hielte. "Alle anderen Einsätze basieren ausschließlich auf Freiwilligkeit" – oder, so würde es Fontaine formulieren, auf dem Zwang, seine Familie ernähren zu müssen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat in einer Umfrage herausgefunden, dass nur 27 Prozent aller Arbeitnehmer auf Abruf in Deutschland tatsächlich vier Tage vor Einsatz Bescheid wissen.

Da scheint es fast konsequent, dass die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in einem Strategiepapier die Politik auffordert, die Vier-Tage-Frist in bestimmten Fällen zu kippen und die "Arbeitszeitflexibilität weiter auszubauen". Gerne hätte die Reporterin vom Verband erfahren, warum das notwendig ist. Auch um einen Kontakt zu Unternehmen, die erklären, warum sie auf Arbeit auf Abruf brauchen, wurde die BDA gebeten. Alles vergeblich.

Nadine Absenger, die bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung als eine der wenigen kontinuierlich zu dem Thema forscht, überrascht das nicht. "Ich denke, dass viele Arbeitgeber auch wissen, dass nicht alles ganz koscher ist, was im Kontext der Arbeit auf Abruf läuft", sagt sie. "Im Moment wird die Debatte um weitere Flexibilisierung ja vor allem von der Wirtschaftslobby dominiert, und diese hat wenig Interesse daran, dass das anders werden könnte."

Der erste Ansprechpartner bei der Recherche waren deshalb die Gewerkschaften – als natürliche Kontrahenten der Unternehmen. Aber auch hier dasselbe Bild. Zwar hat der Deutsche Gewerkschaftsbund Ende 2016 eine Stellungnahme verabschiedet, in der er Arbeit auf Abruf kritisiert. Aber Telefonat um Telefonat wird klarer: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben die meisten Gewerkschafter weder Kontakte zu Abrufmitarbeitern, noch sind sie bereit, Zeit zu investieren, um diesen aufzubauen.