Das Bundesarbeitsministerium erklärt, die Wirtschaft brauche "flexible Jobs"

Nadine Absenger sieht deshalb die Politik in der Pflicht. Gerade weil man aus der Forschung wisse, dass die Folgen dieser Beschäftigungsform oft erheblich seien: Neben einem schwankenden Einkommen haben viele auch psychische Probleme als Folge der Dauererreichbarkeit. "Aus meiner Sicht", sagt Absenger, "wäre es dringend nötig, Arbeit auf Abruf zu beschränken. Es steht aber nicht auf der Agenda."

Dabei wird das Arbeitsministerium zurzeit von einer SPD-Politikerin geleitet. Der Schutz der Beschäftigten müsste ein Thema sein, das Andrea Nahles umtreibt. Ein Interview zur Lage der Abrufmitarbeiter lehnte sie jedoch ab.

Stattdessen ist die Abrufarbeit sogar in Unternehmen verbreitet, an denen der Staat beteiligt ist. Noch immer hält er über 20 Prozent der Aktien der Post, eines Unternehmens, das auf eine besondere Form der Abrufarbeit setzt. Die Post schließt sogenannte Rahmenvereinbarungen ab, in denen sich Menschen bereit erklären, "Arbeitseinsätze" zu erledigen. Miriam* hat fünf Jahre so gearbeitet. "Es war nicht unüblich", sagt sie, "dass ich am Abend vorher angerufen wurde oder auch am Morgen um halb sieben aus dem Bett geklingelt wurde." Erst jobbte sie neben dem Studium, irgendwann aber übernahm sie häufiger eigene Zustellbezirke. Sie hatte keine Mindeststundenzahl, sondern schloss für jeden Einsatz einen Arbeitsvertrag ab. "Ich vermute, dass ich 400 bis 500 Arbeitsverträge zu Hause habe", sagt sie.

© Illustration: Jelka Lerche für DIE ZEIT

Nach Schätzung von Gewerkschaftern beschäftigte die Post im vergangenen Jahr 5.000 solcher Abrufkräfte. In einer Stellungnahme beruft sich die Post darauf, dass dies Aushilfen für Spitzenzeiten seien, und teilt mit: "Jeder Interessent an dieser Beschäftigungsform kennt von Beginn an die Rahmen- und Einsatzbedingungen und hat jederzeit die Möglichkeit, das Beschäftigungsverhältnis wieder zu beenden." Alles freiwillig also – und unproblematisch, zumindest, wenn man dem Bundesarbeitsministerium folgt, das mitteilt: Arbeit auf Abruf sei rechtlich zulässig und trage "dem Aspekt Rechnung, dass eine dynamische Wirtschaft in einem gewissen Umfang auch flexible Jobs braucht".

*Name von der Redaktion geändert

Die Recherche entstand gemeinsam mit dem ZDF und dem Recherchezentrum "Correctiv.org"

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio