Der Feind sitzt im Westen – Seite 1

Volker Weiß’ Buch Die autoritäre Revolte ist sorgfältig recherchiert und klar und verständlich geschrieben. Man lernt viel. Jedem sei es empfohlen, der sich ein genaueres Bild von den weltanschaulichen Prämissen und ideengeschichtlichen Herkünften der rechtsautoritären Bewegungen der Gegenwart machen möchte. Weiß beschreibt ihre Presseorgane und deren Strategien von der Jungen Freiheit über die Blaue Narzisse bis zur Sezession, ihre intellektuellen Stichwortgeber von Alain de Benoist über Karlheinz Weißmann bis zu Götz Kubitschek, ihre Thinktanks wie das Institut für Staatspolitik, ihre weltanschaulichen Basisannahmen vom Abendland-Mythos bis zur Islamkritik sowie ihre europaweiten Strömungen wie die Identitäre Bewegung.

Trotzdem ist da aber auch etwas an diesem Buch, was nicht stimmt. Das hat mit seinem Zungenschlag zu tun. Es ist nämlich in seiner ersten Hälfte in einem Ton der Betulichkeit geschrieben, der selbst Betschwestern zum Wahnsinn treiben würde.

Weiß’ Buch ist eine Warnung vor dem Gegenstand, über den er schreibt. Und wirklich klingt er wie eine Gouvernante, die in einem pädagogischen Dilemma steckt: Sie klärt über Marihuana auf, indem sie ausführt, wie lächerlich dieser Stoff sei, substanzlos, im Grunde nur heiße Luft. Zugleich aber warnt sie davor, dass Marihuana eine Einstiegsdroge sei, oft genügten ein paar Züge, schon sei man auf der schiefen Bahn. Zum Schluss – das lehre die Geschichte – ende alles beim Heroin.

Extremes Symptom dieser Gouvernantenhaftigkeit ist Weiß’ Gebrauch der Anführungszeichen. Sie sollen dem Leser signalisieren, dass sich der Autor die Begrifflichkeit, mit der er rechtes Denken rekonstruiert, nicht zu eigen macht. Darüber hinaus aber sollen sie auch den grundsätzlichen Zweifel zum Ausdruck bringen, ob hinter diesen Worten irgendetwas wie Wirklichkeit steht. Wenn ein zentraler Begriff im rechten Denken Identität ist, so steht das Wort bei Weiß in Anführungszeichen, es könnte ja sonst der Eindruck entstehen, dass es sich dabei um irgendetwas anderes als ein Hirngespinst handelt. Und selbst dort, wo Weiß in seiner eigenen Kritik an linker Identitätspolitik dem "rechtspopulistischen Islamdiskurs" eine Wahrheit zugesteht, setzt er diese in Anführungszeichen. Man muss dann immer an die Gilette-Rasierklingen denken, die so scharf sind, dass sie hinter Gitter müssen.

Weiß’ Buch ist eine kluge Auseinandersetzung mit einem Diskurs – nun hat er Sorge, er könnte diesen Diskurs durch seine eigene Beschäftigung adeln. Da setzt seine Behütungspädagogik ein: Wo sich die Neue Rechte intellektuell gibt, "verbrämt" sie ihre wahren Absichten nur "intellektuell", wo sie sich bei Heidegger bedient, sind es "philosophische Versatzstücke" – als würde unsereins den Namen Heidegger ausschließlich in den Mund nehmen, wenn wir uns aufs Gesamtwerk beziehen.

Weiß ist in Sorge, der Leser könne sich blenden lassen. Zum Beispiel von der "aristokratischen Haltung", mit der sich die Neue Rechte von den Neonazis abzusetzen versuche, dabei sei diese Haltung "nichts als Pose". Über öffentliche Aktionen der Identitären Bewegung schreibt er: "Die Kulisse ihrer Inszenierung wird sorgfältig gewählt, die Aktivisten tragen viele große Fahnen mit sich, was den Eindruck von mehr Masse vermittelt. Ihre Parolen und Embleme sollen attraktiv wirken und stets wiedererkannt werden." Soso, ihre Parolen sollen attraktiv wirken – gut, dass wir gewarnt wurden. Wir würden die Identitäre Bewegung (IB) sonst für hip halten: "Insgesamt ist der avantgardistische Touch der IB aufgesetzt und bleibt auf das Werbematerial beschränkt." Vermutlich wäre die IB für Weiß erst dann avantgardistisch, wenn sie statt identitär universalistisch wäre!

Noch ein Einwand sei hier vorgebracht, bevor wir den unzweifelhaften Stärken des Buchs nachgehen: Zu den Entlarvungsstrategien, derer sich Volker Weiß bedient, gehört der Nachweis, die Neue Rechte sei keineswegs neu, sondern bereite Gedankengut der Konservativen Revolution aus der Zeit zwischen den Weltkriegen auf. Auch hier scheint Weiß die Sorge zu leiten, die Neue Rechte könne frisch und unverbraucht wirken. Aber ist es ein Einwand gegen eine Gedankenfigur, dass sie in einer Tradition steht? Gilt das nicht für jede politische Position? Zumal die Neue Rechte ihre Carl-Schmitt- und Armin-Mohler-Referenzen ja keineswegs verdruckst versteckt. Dass die Rechten seit Alain de Benoist Metapolitik betrieben und sich auf Gramscis Konzept der kulturellen Hegemonie bezögen, sei, sagt Weiß, "nicht neu": "Gerade Konservative hatten schon immer ein ausgesprochen metapolitisches Verständnis an den Tag gelegt, wie ihre zahlreichen Kämpfe um Hoheit über Moral, Sitten und Sprache zeigen." Aber ist es, nur weil es nicht neu ist, sondern alt, deshalb fragwürdig? Das ist jedenfalls ein Einwand, den Konservative auf sich sitzen lassen können.

"Abendland" – ein ziemlich promiskuitiver Begriff

Dies sind die schwachen Seiten des Buchs, doch in seiner zweiten Hälfte nimmt es richtig Fahrt auf – da gelingt Volker Weiß eine glänzende Dekonstruktion der Neuen Rechten mit ihren eigenen Mitteln. Pegida verteidigt ja bekanntlich das Abendland. Nun schaut sich Weiß die Geschichte dieses Begriffs, der nicht erst seit Oswald Spengler ein zentraler Kampfbegriff rechter Weltszenarien war, genauer an. Kampfbegriffe – und hier bezieht sich nicht nur die Neue Rechte, sondern auch Volker Weiß ausdrücklich auf Carl Schmitt – sind relationale Begriffe, die erst durch Feindbestimmung sich selbst konturieren. Schaut man sich an, wogegen sich das Abendland historisch jeweils absetzte, dann muss man sagen: Es ist ein ziemlich promiskuitiver Begriff!

Mal meint Abendland Christentum – Jerusalem aber liegt im Orient. Dann meint es lange Westkirche gegen Ostkirche, lateinischer Okzident gegen griechisches Byzanz – heute aber sucht die AfD den Schulterschluss mit Putin und dessen russisch-orthodoxer Kirche. Dann wieder ist mit Abendland die katholisch-lateinische Reichsidee des Mittelalters gemeint – später soll ausgerechnet das protestantisch-ostelbische Preußen das Abendland retten. Nach 1917 wurde der Begriff mobilisiert, um gegen den russischen Bolschewismus Stellung zu beziehen, bevor Hitler dann die Front nach Westen warf und seit 1941 das Abendland gegen seinen Widersacher aus der Neuen Welt verteidigen zu müssen meinte. Während des Kalten Kriegs gehörten die USA zum Abendland. Der Begriff ist ein Platzhalter, der sich je nach Bedarf ideologisch füllen und einsetzen lässt. Ein derart flexibler Begriff ist bodenlos.

Weiß gelingt nun ein höchst zwingender und eleganter Stich, indem er eine zentrale Aporie der Rechten herausarbeitet: Die breite Masse der Pegidisten meint, das Abendland gegen den Islam verteidigen zu müssen; die intellektuellen Vordenker der Neuen Rechten hingegen wissen, dass der eigentliche Gegner im Westen sitzt. Mehr noch als islamophob ist die Neue Rechte nämlich – und zwar seit je – antiamerikanisch. Amerika verkörpert mit seinem postethnischen Universalismus den wahren Horror. Weiß zitiert Martin Lichtmesz in der Sezession: "An Liberalismus gehen die Völker zugrunde, nicht am Islam."

Mit Carl Schmitt unterscheidet Weiß zwischen "wirklichem" und "absolutem" Feind. Der Islam zähle für die Neue Rechte nur zu den wirklichen Feinden, dessen Vordringen in Europa es zwar zu stoppen gelte, der aber, in seiner angestammten Raumsphäre, mit seinen autoritär-identitären Zügen und seinem patriarchalen, blutgläubigen Gefüge sogar ein Bündnispartner gegen den ortlosen Liberalismus sein könnte. Es seien, erklärt Alain de Benoist 2010, "keine türkischen oder arabischen, sondern englische Worte, die sich in unsere Sprache einschleichen". Weiß zitiert genüsslich, mit welcher Verachtung die Köpfe der Neuen Rechten auf die Islamkritik herabschauen.

Der "absolute" Feind der Neuen Rechten, die Identität an Räume koppelt, ist der Universalismus. Dafür steht Amerika, und dafür steht auch weiterhin das "ortlose", kosmopolitische Judentum. Universalismus gilt der Rechten als Täuschungsbegriff, mit dem der globalistische Westen Putins Abendland zu unterdrücken versucht. Die primäre Absage an den Universalismus ist auch eine Absage an jede durch Vernunft begründete (also intersubjektive) Moral. Das gilt als dekadent. Ganz bei sich ist die Neue Rechte erst dort, wo sie die Evidenz der Gewalt und die Triebe der Völker verherrlicht.

Das tut sie zuletzt unverblümt – wie in dem Buch Der Weg der Männer des US-Amerikaners Jack Donovan, dessen deutsche Ausgabe in Kubitscheks Verlag Antaios erschienen ist: "Die Natur ist eben ungerecht", heißt es dort zur Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter. Was zählt, ist der ewige Kampf im Ausnahmezustand, nicht die Domestizierung der bestialischen Natur des Menschen durch Institutionen. Dies markiert die klare Grenze zwischen Konservativen und Rechten.

Volker Weiß: Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes
Klett-Cotta, Stuttgart 2017; 304 S.,  20,– €, als E-Book 15,99 €