Schon nach wenigen Fernsehminuten entsteht diese irre Sehnsucht nach Gummihandschuhen. Aber wir sind im Jahr 1888, Hygieneverordnungen sind noch nicht geschrieben. Also greift der Arzt mit bloßen Händen in den Leib der Patientin, die im Hörsaal vor den Augen der Herren Studiosi aufgebahrt liegt, und zuppelt ihren entzündeten Blinddarm hervor. Schnipp. In einem düsteren Pathologiesaal klappt ein angehender Mediziner Hautlappen beiseite und befühlt die Lungenflügel eines Tuberkulosekranken. Blass zieht er seine Finger aus der Leiche und wischt sie leidlich an seinem Kittel ab. Auf den Fluren hustet und röchelt es.

Seit dieser Woche läuft in der ARD eine neue Serie über eine der größten Kliniken Europas: die Berliner Charité. In fünf Episoden wird ein, Schmutz hin oder her, glanzvolles Kapitel ihrer dreihundertjährigen Geschichte erzählt. Es treten auf: große Heroen deutscher Medizin. Emil von Behring, Robert Koch, Paul Ehrlich, die alle einen Nobelpreis erhielten. Rudolf Virchow, der einem Teilcampus der Charité in Berlin-Wedding seinen Namen verleiht. Ihre Gegenspieler: Diphtherie, Tuberkulose, Armut. Man stirbt, weil man ein Kind gebiert oder versucht hat, es sich wegzumachen, oder weil einem der Herr Geheimrat seine Finger in die Wunden legt. Aber die Charité ist schon damals, Ende des 19. Jahrhunderts, ein großes Versprechen auf die Zukunft. Die Charité forscht, wir überleben. Wissenschaft wirkt.

Die Handlung selbst lässt sich eher profan an. Haupt- und Identifikationsfigur ist die junge Ida Lenze. Ihre OP-Kosten muss die mittellose Waise als Hilfsschwester abarbeiten. An ihrer Seite die empfindsame Diakonisse Therese, die über ihrem lesbischen Begehren für Freundin Ida buchstäblich krank wird, und zwar an der Lunge. Ida selbst muss Böden schrubben, ist aber ein aufgeweckter Geist. Studieren, Ärztin sein, das wär’s. Ging aber nicht, in Preußen, erst 1908. "Für eine Frau haben Sie ja ungewöhnliche Interessen", kommentiert Dr. Behring ihren Wissenshunger und schenkt ihr ein Anatomiebuch. Voilà, der Zielkonflikt: Soll Ida sich freikämpfen, in Zürich studieren und eine Frau werden, wie sie damals nicht vorgesehen war – berufstätig, unverheiratet? Oder schenkt sie ihr Herz dem Medizinstudenten Georg Tischendorf, der sie umwirbt? Ärztin oder Gattin, Emanzipationsgeschichte in nuce, erdacht von den Drehbuchschreiberinnen Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann, umgesetzt vom Regisseur Sönke Wortmann.

Die männlichen Figuren sind verbürgt. Der Bakteriologe Robert Koch wird an der Charité für seine Entdeckung des Tuberkulose-Erregers gefeiert, besonders von Kaiser Wilhelm II. Er verspricht Koch ein eigenes Institut, wenn er rechtzeitig zum großen Ärztekongress ein passendes Heilmittel entwickelt. Der Druck entlädt sich im Labor, und zwar im Nebenzimmer, wohin Koch die 17-jährige Varietésängerin Hedwig Freiberg abschleppt. Derweil kämpft Behring an doppelter Front: gegen die Diphtherie und seine Depressionen. Und Immunologe Paul Ehrlich, dem zunehmend Antisemitismus entgegenschlägt, färbt Mäusen die Öhrchen blau und erforscht so Blutzellen.

Liebeskranke Schwestern, geile Ärzte, dargereicht in gedämpftem Sepia an gefälliger Klaviermusik. Bisschen Schwarzwaldklinik, bisschen Grey’s Anatomy also. Wer etwas von Medizin versteht, darf seine Expertise anwenden. "Sie hat Fieber, Schmerzen im linken Unterleib. Verdacht auf eine akute Appendizitis", weiß Dr. Ehrlich und tastet ein wenig herum, allerdings tat ein entzündeter Blinddarm auch im 19. Jahrhundert schon typischerweise eher im rechten Unterleib weh.

Schnitt. Die Charité heute: ein Hochleistungstanker. 13.200 Mitarbeiter; davon 3.700 Wissenschaftler und Ärzte; 220 Professoren. 70.000 Operationen und 5.000 Geburten jährlich. 1,6 Milliarden Euro Jahresetat. Vorratskammern voller Gummihandschuhe und Desinfektionsmittel. Vergangenes Jahr handelte die Gewerkschaft ver.di einen Tarifvertrag mit der Klinik aus, der erstmals Personalschlüssel für bestimmte Stationen festlegt, nachdem die Charité immer wieder als Überlastungsbetrieb kritisiert wurde. "Wir sind dauererschöpft. Das ist krass", sagt im ver.di-Video eine Intensiv-Krankenschwester in neongreller Demoweste. Kein Sepia hier weit und breit.

Wie alle historischen Erzählungen einen doppelten Boden haben, so handelt auch dieses Geschichtsfernsehen von unserer Gegenwart. Unmissverständlich drängt sie sich ins Bild: Mindestlohn, Feminismus und postfaktische Expertenskepsis kondensieren zu kämpferischen Arbeiterinnen und menschelnden Professoren. Hochmut über solch massenkompatible TV-Didaktik gelingt leicht und ist doch wohlfeil. Ob es wirklich so war, ist die falsche Frage an ein Format wie dieses. Man sollte es als eine schmissige Form von Wissenschaftskommunikation begreifen, wie sie die PR-Abteilungen der meisten Universitäten mitnichten beherrschen. Dabei, empfahl der Wissenschaftsrat vor Kurzem, müsse der "Transfer" des in akademischen Einrichtungen vorgehaltenen Wissens in die Öffentlichkeit zu einer ihrer "Kernaufgaben" werden.

Charité packt ihre Zuschauer und Zuschauerinnen an der Faszination für die Medizin, die hier als ganzer Lebenskosmos auftritt. Wissenschaft ist keine elfenbeinerne Welt – sondern da, wo’s wehtut. Am kranken Leib, an den sozialen und emotionalen Verwerfungen einer Gesellschaft, die auf Krankenhausfluren und an Patientenbetten aushandelt, wer sie ist. Krankenhausserien sind im Fernsehen so erfolgreich, weil sie Diskursoperationen am schlagenden Herzen der Öffentlichkeit sind. Denn in der modernen Klinik, so hat das der französische Philosoph Michel Foucault beschrieben, überführen wir die "Totalität des Sichtbaren" – den offenen Körper, dem wir bis auf den Grund seiner Existenz blicken – in eine "Gesamtstruktur des Aussagbaren". Das Innerste und Kranke findet seinen korrekten Begriff (Appendizitis!), was die ultimative Vergewisserung schafft, in ein Netz abgesicherten Wissens eingelassen zu sein.

"Wahrscheinlich", sagt Rudolf Virchow in einer Szene, sei Robert Kochs Bakteriologie "in zwei Jahren passé". Eine grandiose Fehleinschätzung, wie man als Zuschauer lustvoll zu konstatieren eingeladen wird. Koch sollte nicht nur ein internationales Aushängeschild deutscher Forschung werden. Auch die Bakterien sind lebendiger denn je; der Kampf gegen multiresistente Keime hält Ärzte auf der ganzen Welt in Atem. Diese Szene ist eine kleine geschichtsphilosophische Miniatur von bestechender Dialektik: Sie belegt den Fortschritt, den Wissenschaftler an Kliniken und Universitäten zum Wohle aller bringen – und zeigt zugleich, dass die Welt nicht unter Kontrolle zu bekommen ist. Noch mal Foucault: "Der klinische Blick ist ein Blick, der die Dinge bis auf ihre letzte Wahrheit ausbrennt." Die Krankheiten und Bakterien wuchern in unseren Körpern, seit je, weshalb es eine neugierige, durchsetzungsstarke Wissenschaft braucht.

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