Er hatte schon einiges ausprobiert. Beispielsweise den Hillbilly Stomp, bei dem man, wie in sumpfigem Gelände, die Beine erst übertrieben hochreißen und in den Knien schlenkern muss, um alsdann bei angespannten Po-Muskeln mit den Füßen umso übertriebener aufzustampfen. Oder den etwas eleganteren Chicken Peck, dessen Gesamtkörperchoreografie sich um das ruckartige Vor- und Zurückbewegen des Kopfes entwickelt. Doch wirkten diese Tanzschritte so travestitisch und übertrieben, dass sie nur bei den weißen Hörern Chuck Berrys auf Begeisterung stießen. Ihnen gefiel der junge Gitarrist ja vor allem, weil er als Afroamerikaner auch die Country- und Hillbilly-Musik der weißen Landbevölkerung pflegte: Ein black hillbilly, so was hatte man noch nicht gesehen!

Die schwarzen Hörer ließ diese Art der Bühnenshow jedoch eher kalt, sie jubelten Chuck Berry lieber zu, wenn er erdige Rhythm-and-Blues-Nummern im Stil von Muddy Waters aufführte. Zu Beginn seiner Karriere in den fünfziger Jahren pflegte er darum mit zwei Programmen aufzutreten, eines für die "weißen" und eines für die "schwarzen" Clubs in seiner Heimatstadt St. Louis. Selbst dann noch, als er mit ersten Plattenaufnahmen Furore machte, blieb sein Publikum gespalten: Berrys erste Hit-Single Maybellene führte 1955 die Charts in der weißen "Pop"-Rubrik an, während die langsame Blues-Nummer Wee Wee Hours wenig später in der schwarzen "Rhythm and Blues"-Rubrik reüssierte.

Diese racial segregation war im US-amerikanischen Pop bis Mitte der fünfziger Jahre unüberwindlich. Chuck Berry, 1926 geboren, wurde zum ersten Künstler, der sie in den folgenden Jahren zu überschreiten verstand. Mit Roll Over Beethoven, Johnny B. Goode und Sweet Little Sixteen stieg er ab 1956 zum Liebling aller US-amerikanischen Teenager auf, gleich welcher Hautfarbe. Die "schwarzen" und die "weißen" Pop-Traditionen verschränkte er mit wachsender Kunstfertigkeit im druckvollen Minimalismus seiner beatgetriebenen Songs. Dazu sang er in lyrisch markant verdichteter Weise von Erfahrungen, Szenen und Wünschen aus dem Teenagerdasein.

Dass es ein solches überhaupt gab, war damals ja noch eine neue Entdeckung. Diese Schwellenjahre zwischen der fremdbestimmten Kindheit und dem verantwortungsvollen Erwachsenenleben bildeten sich erst unter den günstigen Wirtschaftsbedingungen der Nachkriegsjahre heraus. In dieser Zeit begannen die jungen Menschen beispielsweise davon zu träumen, als Rockmusiker weltberühmt zu werden: Davon handelt Johnny B. Goode. In Sweet Little Sixteen lernen wir ein Mädchen kennen, das seine gesamte Freizeit mit dem Anhimmeln von Popstars verbringt. Roll Over Beethoven ist schließlich ein musikalisches Manifest, in dem Chuck Berry für seine Musik und die dazugehörige Generation die Zukunft reklamiert und die Position der absoluten Avantgarde ohnehin. Alles Alte, zum Beispiel Beethoven, wird überrollt; auch für Tschaikowski hat das Stündlein geschlagen.

Der futuristische Tanzstil, zu dem Berry nach mehreren Anläufen fand, hatte dann weder mit Hillbillys zu tun noch mit Hühnern. Beim Duck Walk ging der Künstler vielmehr in die Knie und streckte den Po nach hinten, um alsdann mit einem ausgestreckten Bein und dem nach vorne gereckten Gitarrenhals hüpfend zu musizieren. Angeblich orientierte sich diese Vorgehensweise am Bewegungsablauf der Ente, aber in Wahrheit entsprach der gereckte Gitarrenhals natürlich dem Phallus, und der wackelnde Hintern imitierte die Stoßbewegungen beim Kopulieren. So wurde der ethnisch parodierende Charakter von Berrys ersten Bewegungsversuchen durch die universelle Sprache der erwachenden sexuellen Wünsche ersetzt, die alle sozialen und kulturellen Grenzen überschreitet.

Chuck Berry hat mithin nicht nur den Rock ’n’ Roll erfunden und den Teenie-Pop, sondern auch das Phänomen der charakteristischen, erotisch binnengespannten Bühnen-Pose; vieles von dem, was das kulturelle Leben bis heute bestimmt, haben wir ihm zu verdanken. Gegen die Rassentrennung hat er zeit seines Lebens weitergekämpft. Im Jahr 1958 richtete er von seinen ersten Einkünften einen Club namens Bandstand ein, in dem weiße und schwarze Teenager unbesorgt und unbehelligt miteinander tanzen konnten.

Natürlich waren es – wie in der Popgeschichte zumeist – weiße Verehrer, die mit der von ihm erfundenen Musik zu Superstars wurden; etwa die Beach Boys, die Beatles und die Rolling Stones. Deren Gitarrist Keith Richards organisierte 1986 ein Konzert für Chuck Berry in der Rock and Roll Hall of Fame und erzählte später, wie er ihn deswegen zu Hause besuchte. Im Schlafzimmer hätten zwei große Videoschirme gehangen: Auf dem einen lief das normale Programm, auf dem anderen in Endlosschleife ein Film, in dem sich nackte weiße Mädchen mit Torten bewarfen. Am Sonntag ist Chuck Berry im Alter von 90 Jahren gestorben.