Vielleicht geht es uns in Deutschland einfach zu gut. Vielleicht ist so zu erklären, dass hierzulande nur jedes sechste Kind über seine Rechte Bescheid weiß (und dass der Anteil der Erwachsenen vermutlich kaum größer ist). Womöglich liegt es aber auch daran, dass die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen oft als sperriger Klotz daherkommt und die einzelnen Paragrafen irgendwie banal und leblos klingen: Alle Kinder haben die gleichen Rechte; jedes Kind hat ein Recht auf Gesundheit, Bildung, Freizeit. Ist das nicht alles selbstverständlich?

Dass dem nicht unbedingt so ist, wird schnell deutlich, wenn man das Buch Das sind deine Rechte! aufschlägt. Von großformatigen Schwarz-Weiß-Fotos blicken einem hier "echte" Kinder entgegen, die aus ihrem Alltag erzählen. Da ist zum Beispiel Julia, 13 Jahre, die als Frühchen zur Welt kam und mehrere Behinderungen hat. Sie findet ihr Leben ungerecht, weil sie nicht bei allen Dingen mitmachen kann. Oder León, 10 Jahre, dessen Eltern sich getrennt haben und der große Sorge hatte, dass er seinen Vater nicht mehr sehen kann. Und Nicholas, 13 Jahre, der keine Lust hat, seinen Mitschülern zu erklären, wie es ist, mit zwei Müttern aufzuwachsen. Wer diese Geschichten liest, dem leuchtet sofort ein, wofür Kinder ein Recht auf Gleichbehandlung brauchen, auf Mitbestimmung und auf Privatsphäre.

Die Autorin Anke M. Leitzgen hat schon viele hervorragende Kindersachbücher konzipiert, unter anderem Entdecke deine Stadt, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Auch in ihrem neuesten Werk wendet sie ihr bewährtes Rezept an und mischt Information mit Dokumentation und Mitmach-Elementen. So fordert sie die Leser ganz zu Anfang auf, ihr persönliches Kinderrechte-Barometer aufzumalen: "Hast du genug unverplante Zeit? Kümmern sich deine Eltern gut um dich?"

Neben Kindern kommen auch Experten zu Wort, etwa eine Anwältin, die bei Scheidung berät, und ein Coach, der verrät, wie man am besten mit seinen Eltern verhandelt. Zudem versammelt das Buch viele Zahlen und Fakten darüber, wie es Kindern in anderen Ländern geht, was man ab welchem Alter darf, und gibt Tipps, wie man in der eigenen Stadt oder Schule mehr mitbestimmen kann.

Was Leitzgen hier betreibt, ist Aufklärung im besten Sinne, denn sie versetzt ihre Leser in die Lage, zu beurteilen, ob ihre Rechte gewahrt werden, und gibt ihnen Mittel an die Hand, diese durchzusetzen, falls nicht. Und das alles in einer höchst ansprechenden Gestaltung, ohne zu überfordern und ganz ohne zu langweilen.

Anke M. Leitzgen: Das sind deine Rechte! Beltz & Gelberg 2017; 160 S., 14,95 €; ab 10 Jahren