Wenn eine eh schon sehr erfolgreiche Schlagersängerin, eine Sängerin, deren letzte acht Studioalben monatelang die deutschen Charts beherrschten, noch erfolgreicher werden will, dann spricht sie DJ BoBo an. Es war 2010, DJ BoBo hatte in Stuttgart gespielt, hatte gerade die Bühne verlassen, da stand diese Frau vor ihm, Andrea Berg. "Das war ein tolles Konzerterlebnis", sagte sie, "genau so etwas möchte ich auch für mich!"

Ja, DJ BoBo. Der Mann mit den einst langen Haaren und den bunten Blousons, der Ohrwürmer wie There Is a Party und Freedom produzierte und die Charts der Neunziger beherrschte. Der seit seinem 24. Lebensjahr auf Bühnen steht, der mehr als 15 Millionen Tonträger verkaufte und dennoch gerne belächelt wird. Er hat produziert, er hat verkauft – vor allem aber hat er überlebt: Plateauschuhe und ultraweite Techno-Hosen, getönte Sonnenbrillen und Jeans-Komplettoutfits. Inzwischen ist er 49 Jahre alt. Seine anstehende 25-Jahre-Jubiläumstour ist die bestverkaufte Tournee seiner Karriere. "Im Nachhinein war es gut, dass ich so unterschätzt wurde", sagt er.

"Bei mir hat der liebe Gott nicht gerade mit Talent um sich geschmissen"

Fragt man ihn, warum er noch da ist, sagt er: "Wille ist wichtiger als Talent." Und dann ergänzt er: "Bei mir hat der liebe Gott nicht gerade mit Talent um sich geschmissen." Er gibt zu, dass seine Songtexte banal sind und dass er nicht gut singt. "Leichte Unterhaltung, so würde ich meine Musik beschreiben."

DJ BoBo heißt eigentlich Peter René Baumann, dass er Schweizer ist, hört man. In seinem Abschlusszeugnis erhält er nur gute Noten, in "Fleiß" die zweitbeste, das wird für seine Karriere noch von Bedeutung sein. In den achtziger Jahren absolviert er eine Bäckerlehre, Butterzöpfe flechten, darin ist er gut. Aber Spaß bringt ihm der Job nicht. Nach der Lehre beginnt er, hauptberuflich als DJ zu arbeiten. Er nennt sich DJ BoBo, den Namen hat er mal in einem belgischen Comic gelesen: "Bobo gibt nicht auf", stand da.

In den folgenden Jahren wird Baumann zum Star. Beim Magazin Bravo , dem Jugend-Leitmedium der Neunziger, bekommt er Unmengen an Fanpost. Obwohl er, im Gegensatz zu anderen seines Fachs, nicht der Typ ist, von dem man sich ein Oben-ohne-Poster ins Zimmer hängen würde: Baumann ist keine Sexbombe. Über ihn schreiben die Zeitungen, dass er "sympathisch" sei, nett, unterhaltsam. Die Backstreet Boys, damals eine noch unbekannte Boygroup aus den USA, begleiten ihn als Vorband auf Europatour. Bei Boygroups geht es vor allem ums Aussehen, um Klamotten und Frisuren. "Bei mir war das anders", sagt er. "Die Leute wussten, das gibt er eh nicht her, die wollten etwas anderes von mir." Deshalb hatte er von Anfang an nicht nur weibliche Fans.

Fährt man in die Schweiz, nach Stans, dorthin, wo DJ BoBos Schreibtisch steht, entdeckt man im Regal Kassetten und CDs aus vergangenen Zeiten: Bravo Hits 4, Bravo Hits 22, Formel Eins Smash Hits. Auf dem Cover der Bravo Hits 10 steht DJ BoBos Name an erster Stelle, die meisten anderen Künstler auf dem Album haben es nicht bis ins musikalische Heute geschafft. Mr. President? Aufgelöst; der Frontmann arbeitet als Fitnesstrainer. Marky Mark? Dreht jetzt lieber Filme. DJ BoBo ist einer der wenigen, die noch immer Musik machen. Und der Einzige, der viel Geld damit verdient.

Neben den Fans, die seine Lieder mögen und kaufen, gibt es eine Menge Leute, die DJ BoBo kritisieren, wegen seiner Haare, seiner Klamotten, seines Berufs. "Das war oft unsachlich: der kleine Bäcker aus den Bergen. Damit tue ich mich schwer", sagt er. Er, der selbstbewusst auftreten könnte, steht nicht gern im Mittelpunkt, auch wegen seines Aussehens. Fotoshootings bezeichnet er als "Hölle". Auch für dieses Porträt lässt er sich nur ungern ablichten.