Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

"Höflichkeit ist das erste Mittel gegen den Bürgerkrieg", notierte Adolph Freiherr von Knigge einmal. Seine Beobachtungen und Ratschläge, die minutiöse Analyse der Gesellschaft im 18. Jahrhundert und die Haltungsregeln, die er empfiehlt, haben genau dieses Ziel: das einigermaßen gedeihliche Zusammenleben von einzelnen Menschen und Gruppenansammlungen zu sichern, wenn Zuneigung und Anerkennung nicht zu haben sind. Deshalb denkt Knigge über Handschlag und Begrüßungsrituale nach. Seine Zeit ist durch tiefe Verunsicherung und politische Umbrüche gezeichnet. Höflichkeit ist das Band, das Menschen zusammenhält, die sich nicht leiden können. Der Handschlag ist keine Freundschaftsgeste, sondern eine Geste, die besagt: "Ich kenn dich nicht, ich traue dir nicht, aber ich bringe dich nicht um." Denn wer die Hand ausstreckt, kann die Waffe nicht ziehen. Aus Knigge ist ein Etikettenbuch für höhere Töchter und Benimmschulen geworden. Zu Unrecht.

Wenn der amerikanische Präsident vergisst, der deutschen Bundeskanzlerin die Hand zu geben, dann schwingt im Hintergrund ein Grad der Verachtung mit, der diese Geste der Zivilität, ja Selbstzivilisierung, nicht mehr zu zeigen in der Lage ist. Gutes Benehmen, ein Formelkanon, auf den man sich verlassen kann, bevor man seine Differenzen hart ausficht, ist ein Palliativ gegen Unbeherrschtheit mit politischen Folgen. Das wusste schon der Freiherr. Deshalb ist das Jammern über die Verrohung der Sitten eben mehr als doppelzüngige Kulturkritik, bei der immer nur dem anderen das gute Benehmen fehlt. In den Gesten der Höflichkeit, in der Wahrung der Form des Handelns und des Sprechens liegt ein Medium des Friedens, wo die Verschiedenheit unerträglich wird.

Das ist die Pointe von Knigge. In Gesten tradieren wir ein kulturelles Programm: Wir müssen uns nicht mögen, wir bleiben einander fremd, aber wir bringen uns nicht um, wir verachten einander nicht, auch wenn die Anerkennung des anderen außerhalb unserer Möglichkeiten liegt. Gebt euch die Hände, Leute. Freunde müsst ihr nicht werden.