Er war ein furchtbar ungeliebtes Kind, starrköpfig und eigensinnig. Seiner schweren Geburt war ein langer Streit vorausgegangen. Die Wehen hatten zwei Jahre gedauert. Seine Geburtsurkunde verzeichnet 22 Eltern. Jetzt feiert er seinen zehnten Geburtstag. 2005 hatten die Mitgliedsstaaten der EU die Gründung eines European Research Council (ERC) beschlossen. Im Frühjahr 2007 nahm der Europäische Forschungsrat seine Arbeit auf.

Für die EU war das ein Wagnis. Unabhängig sollte der ERC sein, keinem Proporz, keiner Quote verpflichtet. Die Wissenschaftler selbst sollten ihr Budget verwalten. Und die wollten bei der Vergabe der Mittel nur einem Kriterium gehorchen: wissenschaftlicher Exzellenz. Das hatte der wissenschaftliche Rat des ERC, bestehend aus 22 europäischen Spitzenforschern, in die Statuten geschrieben.

Dem Wagnis folgte ein beispielloser Erfolg: Fast 7.000 Forscher haben bisher Geld vom ERC erhalten, insgesamt zwölf Milliarden Euro. Großbritannien führt mit 1.488 Stipendien die Statistik an. Es folgen Deutschland (1.031 Stipendien) und Frankreich (888 Stipendien). Mehr als 800 Patente und 75 Firmengründungen sind auf die ERC-Förderung zurückzuführen. Mehr als 180 Spitzenforscher kehrten zurück nach Europa.

Ein entscheidender Teil des Erfolgskonzepts ist – die Sturheit des ERC. Viel zu lange wurden Forschungsmittel der EU nach Länderproporz und für die Beantwortung ganz bestimmter Fragen vergeben. Der ERC hingegen nimmt keine Rücksicht, weder auf nationale Interessen noch auf politisch motivierte Forschungsfragen. Die Folge: Mehr als 95 Prozent des Geldes fließen in die alten EU-Mitgliedsstaaten. Das liegt nicht daran, dass das Talent in Europa ungleich verteilt wäre. Aber die neuen Mitglieder bieten oft deutlich schlechtere Infrastrukturen für die Forschung. Der ERC fördert Forschung also dort, wo sie die besten Bedingungen vorfindet.

Eigensinnig und erfolgreich ist die spezielle Förderung junger Forscher mit einem eigenen Stipendienprogramm. Die sogenannten Starting Grants in Höhe von jeweils 1,5 Millionen Euro haben schon so manche Karriere beflügelt. Auch ihretwegen ist mehr als die Hälfte aller Stipendiaten noch keine 40 Jahre alt. Der ERC fördert also nicht nur das wissenschaftliche Establishment, sondern vor allem den dringend benötigten Nachwuchs.

Zum zehnten Geburtstag steht der Rat jedoch vor einer schwierigen Aufgabe: Der Brexit droht gerade die Spitzengruppe der Geförderten zu schwächen. Ernst-Ludwig Winnacker, erster Generalsekretär des ERC, fordert daher Sonderregeln für britische Forscher.

Dafür müsste Europa wieder über seinen Schatten springen, müsste der Versuchung widerstehen, die Forschung zur Verhandlungsmasse im Brexit-Prozess zu machen. Dass dies prinzipiell möglich ist, zeigen entsprechende Vereinbarungen des ERC mit dem Nicht-EU-Mitglied Schweiz – und Forscher aus Zürich und Lausanne, die heute die Erfolgsstatistik des Rates schmücken.