Seltsam wäre es schon, wenn ausgerechnet die Literatur, die gute alte Geschichtenerfinderin, künftig für ungefakte Wahrheiten zuständig sein sollte. Das ist nicht gerade ihr Kerngeschäft. Dieses besteht, wie Aristoteles ausführte, darin, "glaubwürdige Unmöglichkeit" hervorzubringen. Man könnte auch plausible Unwahrheit sagen. Für die Romanfigur Emma Bovary beispielsweise gab es ein reales Vorbild, den Fall einer untreuen Ehefrau in der französischen Provinz. Nur spielte er sich nicht ganz so dramatisch ab wie bei Gustave Flaubert. Auch wechselte bei der echten Französin nicht die Augenfarbe je nach Seelenstimmung. Aber ohne solche Zutaten literarischer Übertreibung wäre Flauberts Roman um einiges matter.

Lebte die echte Französin im Jahr 2017, würde sie womöglich ein Buch verfassen, in dem sie wahrheitsgetreu erzählt, wie sie sich in ihrer Ehe zu Tode langweilte und einen Liebhaber zulegte. Das Buch hätte gute Chancen, ein Bestseller zu werden, und trüge die klangvolle Genrebezeichnung "Memoir". Damit kein Missverständnis entsteht: Es gibt nach wie vor jede Menge fiktionale Romane. Und es gibt – man muss nur an Melles Die Welt im Rücken und Stuckrad-Barres Panikherz aus dem vergangenen Jahr denken – große Memoirs. Aber symptomatisch für das wachsende Bedürfnis nach realitätsgeprüfter Wahrheit ist der Erfolg solcher Titel schon auch. Wenn Politiker neuerdings Politik mit Poesie verwechseln, könnte der Literatur tatsächlich die kuriose Aufgabe zufallen, mit Wahrheit zu kontern. Das spezielle Verhältnis von literarischer Fantasie und literarischer Plausibilität bliebe dabei allerdings auf der Strecke.

Wie es beschaffen ist, lässt sich an Mechtild Borrmanns Unterhaltungsroman Trümmerkind studieren. Borrmann ist als Krimiautorin bekannt. Im Kern des neuen Romans geht es ebenfalls um ein Verbrechen, um die sogenannten Trümmermorde. Es trug sich in Hamburg im Jahr 1947 tatsächlich zu, wurde aber nie aufgeklärt. In den Bombenruinen wurden vier strangulierte Tote gefunden. In das Rätsel dieses Verbrechens hinein erfindet Mechtild Borrmann nun eine Geschichte, die auf drei Zeitebenen spielt. Sie beginnt mit der Flucht einer Gutsbesitzerfamilie aus der Uckermark 1945, geht weiter mit einer Familie, die 1947 in Hamburg überwintert, und endet zu Beginn der neunziger Jahre, als die Aufklärung des Verbrechens ins Rollen kommt. Das alles ist erfunden, hätte aber genau so sein können. Das historische Material ist nur der Rohbau, alles andere Fantasie, und Trümmerkind ein solide gebauter Spannungsroman plausibler Unwahrheit.

Mechtild Borrmann: Trümmerkind. Roman; Droemer Verlag, München 2016; 300 S., 19,99 €