Frühling in München, Frühling in Frankfurt, ja, klar. Laue Lüftchen, Cabrio- Gefühl, die Herren lässiger, die Ladys auch. Aber Frühling in Hamburg, das ist der real deal, das ist Frühling in seiner Essenz.

Denn hier bleibt es ein Vabanquespiel, ob das eine Zeit wird wie aus einem Caspar-David-Friedrich-Gemälde – das mit den heiteren, der Sonne zuwinkenden Kindern – oder ob sich der Herbst noch einmal neu erfindet, mühsam drapiert mit Krokus und Narzissen.

Man ist hier gespannter und aufgeregter als anderswo im Land. Vorfreude in einer Weise, die den Hamburger zu allem Möglichen verleitet: Vespa-Mut, Draußensitz-Tapferkeit, die Bereitschaft, fürs modische Erscheinungsbild die Gesundheit zu opfern. Wer braucht schon im März Socken in den Loafers?

Am Montag begann aus astronomischer Sicht der Frühling, seit drei Tagen ist die Stadt also offiziell im Modus des Aufblühens. Aber es hatte schon früher begonnen, die vergangenen Wochen waren durchbraust von diesem Hoffnungs- und Erwartungsgefühl, konkret thermisch, mit starkem Wind, aber auch was Helligkeit und Farben angeht. Sonne über der Alster, Schneeglöckchen im Jenischpark – die kleinen Give-aways, mit denen die Natur ihre Kundschaft bei Laune hält.

Fortsetzung folgt, das ist das Versprechen und jeder Amselruf ein Cliffhanger für den nächsten Tag. Morgen wird es wieder schön. Morgen wird es wieder schöner.

Frühling in Hamburg, das ist der beste Frühling. Eine Stadt, die das Neue bereits in homöopathischen Dosen wahrnimmt, die ideale Kulisse für Wachstumsglück, mit den wunderbaren Parks, der Elbe, einem Stadtsee, der sich später mit Kirschblüten schmücken wird, als sei man im japanischen Märchen.

Braucht dieser Ort einen Ratgeber für Frühlingsglück? Die Rotkehlchen-Combos, die frühmorgens gegen den Verkehrslärm anjazzen, werden widersprechen. Die Moorfrösche, die, herausgeputzt in der neuesten Kollektion, das Mühlenteichufer zum Laufsteg machen – man trägt zur Paarungszeit Himmelblau-Violett statt Braun –, wohl auch.

So viel Sturm (wirklich!) und Drang – das Hamburger Frühjahr braucht keine Nachhilfe. Aber ein paar Ideen fürs inszenatorische Feintuning können nicht schaden. Dann wird aus diesem März eine Blütezeit, unabhängig von Celsiuswerten und Nettosonnenstunden.

Für Aufbruchsgefühle ideal ist der Dammtorbahnhof. Wenn man sehr früh hingeht, schmilzt das Morgenlicht durch die Jugendstilscheiben, und im Hintergrund erhebt sich das Vogelkonzert von Planten un Blomen. Hier die Reisenden betrachten, die auf den ersten Zug stadtauswärts warten, eine Stimmung, gemischt aus Unruhe, Konzentration, Erwartung.

Im Stadtpark den Birken und Buchen zu Leibe rücken. Unaufhörlich strömt Energie von den Wurzeln bis in den höchsten Ast. Man kann das hören, wenn man das Ohr fest an ihre Stämme drückt – es gluckert und gluckst wie im Heizungskeller eines Frachters.

Im Wildpark Schwarze Berge den Otter studieren. Otter sind gierig wie Investmentbanker und hektisch wie Teenager mit ADHS. Einfach diesen fanatischen Fischjägern zuschauen, wie sie jetzt noch nervöser und betriebsamer werden. Dann mit gutem Gewissen an diesem Tag keine einzige Geschäftsmail mehr lesen.

Exakt den Moment abpassen, wenn die Alsterfontäne eingeschaltet wird. Neun Uhr. Genau schauen: Was passiert jetzt, in diesem Moment, in der Stadt? Welche Kirche beginnt als Erstes zu läuten? Bewegt sich der ICE, der hinten durchs Bild fährt, parallel zur Wolkenbank, die hoch oben in die Szene drängt, oder in Gegenrichtung? Und ist das Wasser der Alster gerade schiefergrau oder doch eher bleifarben, mit einem Schuss Kobalt?

Am Abend zurückkehren an den Jungfernstieg und warten, bis der Platz sich leert. Es gibt eine Choreografie des Verschwindens an diesem Ort. Wer ging als Letztes? Und wenn es ein Polizist war, hat man ihm vielleicht eine gute Nacht gewünscht. Auch das gehört zum Frühling – ein Hauch Einsamkeit, eine Prise Abschied.

Ohlsdorfer Friedhof, man hat ein Klappstühlchen dabei. Erst durch die Reihen der Gräber schreiten (nicht stapfen, nicht schlendern!) und dann mit Respekt und gebührendem Abstand Platz nehmen. Das geht auch im Regen, man braucht dann eben einen Schirm. Man studiert die Namen und Daten, wie viele Jahresanfänge waren das? Wie oft war März in diesem Leben? Wie viel Frühling passte in diese Biografie? Wie gesagt: Abschied ist ein Frühlingsgefühl.

Oder zu Hagenbeck. Das Angler Sattelschwein hat vor Kurzem fünf Junge geworfen. Wenn das keine Frühlingsexperten sind! Zeit und Kinder mitnehmen. Und dann eine Familienaufstellung: Welches Schwein hat (mutmaßlich) welchen Charakter? Wie sieht seine Zukunft aus? Es darf projiziert, fantasiert, gesponnen und erfunden werden. Frühling ist immer auch der Beginn einer Erzählung, und sei es eine über Frühjahrsschweinchen.