Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/​KNA

Meine Nachbarn haben gerade die Gärtner im Garten. Das erfüllt mich mit einem Gefühl, das früher von der katholischen Kirche als Todsünde bezeichnet wurde. Der Begriff ist aus der Mode gekommen, heute heißt das Wurzelsünde. Ob nun Wurzel oder Tod: Ich bin einfach nur neidisch! Weniger darauf, dass sich die Nachbarn einen Trupp Gärtner leisten können, der ihren Garten im Nullkommanichts in frühjahrsgeputzter Optik erstrahlen lässt. Nein, ich bin nicht auf die Nachbarn neidisch, sondern auf die Gärtner.

Schon am frühen Morgen, als sie ihren Lieferwagen neben dem Pfarrhaus parkten und die Gerätschaften auspackten, musste ich mir eingestehen, dass mein Unmut spross wie der Löwenzahn in meinem Garten. Als ich sah, wie sie beherzt mit Seitenschneider und Gartenschere die Obstbäume behandelten, musste ich mich sehr zusammenreißen, um an der Beerdigungsansprache für mein verstorbenes Gemeindeglied weiterzuarbeiten. Während ich am späten Nachmittag mit Ordner und Bastelmaterial aus dem Pfarrhaus hin zum Gemeindehaus strebte, um einem trubeligen Haufen von 25 Konfirmandinnen und Konfirmanden die Grundlagen des Glaubens näherzubringen, räumten die Gärtnerinnen und Gärtner mit zufriedenem Grinsen ihre Hacken, Schaufeln, Leitern und Scheren auf den Lieferwagen und ließen einen tipptopp gepflegten Garten zurück, dazu einen glücklichen Auftraggeber, nämlich meinen Nachbarn, der sich – während ich meine Konfis bändigte – gemächlich in die späte Frühlingssonne setzte, um bei einer Tasse Tee das Ergebnis der gärtnerischen Aktivitäten zu genießen.

Sicherlich hatte er den Gärtnern auch ein ordentliches Trinkgeld gegönnt. Das ist einfach nur gemein! Ich liebe meinen Beruf, wirklich! Aber manchmal würde ich mir wünschen, ich hätte mir eine Tätigkeit ausgesucht, bei der ich am Abend eines Tages genau sehen könnte, was ich geleistet habe. Die Gärtner von nebenan haben nach acht Stunden Arbeit einen klaren Überblick darüber, was sie gepflanzt und gestutzt haben, noch dazu – sie sind ja nicht zum ersten Mal in Nachbars Garten – sehen sie, was seit dem letzten Jahr gewachsen und gediehen ist.

Ich dagegen kann froh sein und mich glücklich schätzen, wenn mir ab und zu ehemalige Konfirmanden erzählen, dass ihnen die Konfizeit Spaß gemacht hat. Und wie viel zarte Glaubenspflänzchen tatsächlich in den Herzen der jungen Menschen Wurzeln treiben, das weiß ich nie genau.

Während ich oft spät am Abend noch am Schreibtisch sitze, um die Predigt zu bedenken oder den Haushaltsplan der Gemeinde auf Wirtschaftlichkeit hin zu prüfen, sitzen die Gärtnersleute zufrieden bei einem Glas Wein und einer Brotzeit zusammen und genießen ihren Feierabend. Ja, manchmal ist mir klar: Ich habe den falschen Beruf gewählt. Aber Gärtner wäre leider keine Option für mich gewesen – ich habe den braunen Daumen. Fragen Sie meinen Rhododendron.