Tschusch und auch noch stolz darauf

Wo Wien am wienerischsten ist, wird der Balkan lautstark bejubelt. "Natürlich haben wir das vertschuscht, so im Sieben-Achtel-Takt", feixt Slavko Ninić von der Bühne, bevor er den vier Bandkollegen seiner Wiener Tschuschenkapelle den Einsatz zu einer neuen Nummer gibt. Applaus brandet auf – in einem Publikum, das mindestens so urig wirkt wie die fast ausverkaufte Konzertstätte dieses Sonntagabends, das Schutzhaus Zukunft inmitten der Schrebergartenenklave auf der Schmelz.

Tschusch, das ist die abfällige Schmähung, mit der schon in den sechziger Jahren die erste Welle der Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien in Österreich begrüßt wurde. Slavko Ninić hat sie, ganz nach der Methode der subversiven Selbstermächtigung, zu seinem Markenzeichen zweckentfremdet, als handelte es sich um einen honorigen Titel. Vor 28 Jahren gründete der gebürtige Kroate, der meist mit schwarzem Hut und roter Krawatte auftritt, die Wiener Tschuschenkapelle, eine Combo, die lange vor dem musikalischen Balkanboom und dem wildromantischen Ethno-Kino von Emir Kusturica dem Sound Südosteuropas zu Kultstatus verhalf. Als Frontmann, der mit Schmäh und leicht slawischem Akzent das Bühnenprogramm moderiert, wird der 63-jährige Ninić verehrt – weniger von der migrantischen Community, mit der man ihn verbindet, als von einem bürgerlich-österreichischen Publikum. Es gibt eine eingeschworene Fangemeinde und 13 Alben, Auftritte bei Staatsakten, in der Oper und mit den Wiener Philharmonikern. Bei Tourneen und Konzerten zwischen Simbabwe und New York werden die Tschuschen als Kulturbotschafter aus Wien angekündigt. Ninić gilt in solchem Rahmen gern als Vorzeigeexemplar des integrierten Ex-Gastarbeiters – und ist alles andere als das. Die Zuschreibung entspringt meist mehr dem Wunschdenken all derjenigen, die sie bemühen. Nicht einmal Ninić sieht sich als Rolemodel. Denn der Tschusch, der in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, bleibt noch immer ein Sonderfall.

"Das Wort Tschusch hat zumindest dieses Gift verloren", sagt Slavko Ninić. "Ich glaube, das ist auch durch uns geschehen, durch den alltäglichen Gebrauch, wenn in den Zeitungen und im Fernsehen über uns berichtet wurde." Ninić weiß, wie das mit den Tschuschen in Österreich früher war. Wie beleidigt er selbst war, als ihn, der in jungen Jahren gerade in Wien gestrandet war, eine Freundin Tschusch nannte. Oder einige Jahre später, als der Bandname auch fortschrittliche Geister gehörig verstörte: "Der Gewerkschaftsbund wollte uns lange nicht engagieren. Die haben geglaubt, dass sie ihre ausländischen Kollegen beleidigen", erinnert sich Ninić.

Der Geruch frisch aufgegossener Pfefferminzblätter zieht durch die Wohnung am Rand des siebten Wiener Bezirks, in der Ninić mit dem jüngeren seiner beiden Kinder lebt. Drei Gitarren hängen am Ständer, auf einer rustikalen Holzanrichte stehen Flaschen mit klarem Sliwowitz, den er mit Freunden im Sommerurlaub in Kroatien brennt. Gardinen und Möbel der Wohnung erzählen, dass Ninić schon viele Jahre hier lebt.

Im Sommer 1972, als der damals 18-jährige Kroate zum ersten Mal nach Wien kam, hauste er weit weniger komfortabel: 14 Männer in einem Zimmer mit Küche, Gangklo und Bassena. Eine typische Gastarbeiterwohnung dieser Zeit, zur Verfügung gestellt durch die Baufirma von Richard Lugner, bei der Ninić angeheuert hatte. Als Ausbeutung habe er das aber nicht betrachtet, im Gegenteil: "Wir hatten richtig viel Spaß in dieser Zeit."

Diese Wahrnehmung hat auch damit zu tun, dass die Geschichte vom typischen Gastarbeiter, der sein Glück in Österreich versucht, auf Slavko Ninić so nicht zutrifft. Aufgewachsen in einem Dorf ganz im Osten des heutigen Kroatiens, nahm er den Job am Bau nur deshalb an, um nach der Matura "etwas zu erleben". Er habe "die Nase voll von den Bücherwelten" gehabt. Der Ausflug in die Hacklerwelt dauerte vier Monate, "dann hat es mir wieder gereicht". In Wien begann er ein Dolmetscherstudium, ging nach zwei Jahren nach Zagreb, studierte Soziologie, kam der Liebe wegen 1979 wieder nach Österreich – und blieb.

Deutsch hatte der Bauernsohn schon als Jugendlicher gelernt. Drei Jahre lang besuchte er in einer Art Austauschprogramm mit anderen Kindern aus dem damaligen Tito-Staat ein katholisches Internat am Bodensee. Bis heute arbeitet er in Wien auch als gerichtlich beeideter Dolmetscher für Kroatisch, Serbisch und Bosnisch. "Das ist mein Nebenjob", sagt er, "oder manchmal auch der Hauptjob." Es ergänze sich jedenfalls gut: "So bin ich nicht angewiesen, musikalisch jeden Blödsinn mitzumachen."

"Unter Gastarbeitern waren wir lange Jahre unbemerkt"

Entstanden ist sein Ensemble in den achtziger Jahren. Ninić arbeitete in einer Beratungsstelle für Ausländer und begann, mit einem Kollegen aus der Türkei und einem aus Wien die Lieder ihrer jeweiligen Heimat zu spielen. Das kam im Milieu der Intellektuellen und Kulturschaffenden rasch gut an. 1989 wollte es der Soziologe wissen: Lässt sich das auch professionell betreiben? Ein Bandname musste her, und eines Nachts, so die Legende, habe jemand in einem linken Beisl am Naschmarkt gerufen: "Nennts euch doch Tschuschen, weil Tschuschen seids eh!"

Seit fast zehn Jahren stehen neben dem Kroaten Ninić ein Roma, eine Bulgarin, ein Mazedonier und ein Serbe auf der Bühne. Auch in früheren Besetzungen hatten die Berufsmusiker meist Wurzeln in südosteuropäischen Staaten und brachten das Erbe ihrer Herkunftsregion ein. Das Programm reicht von griechischem Rembetiko, Volksliedern aus Slawonien, osmanischen Weisen, Roma-Musik, bosnischer Sevdalinka bis zu Wiener Liedern. Die Interpretation geht über Folklore hinaus, dennoch sagt Ninić: "Die Crossovers habe ich nie mögen. Ein griechisches Lied soll klingen, als wenn das Griechen spielen".

Wenn Ninić über seinen Zugang zur musikalischen Tradition spricht, erklärt er das gern mit Hegels dialektischer Aufhebung. Vom ruralen Slawonien seiner Kindheit erzählt er mit Verweisen auf Filme von Fellini und Bertolucci. In seiner Bücherregalwand reihen sich Werke von Homer bis Bertrand Russell, zwischen Notenblättern liegt die Hausaufgabe für seinen Griechischkurs. Der Kopf der Tschuschen ist ein Intellektueller, der zwar keine ideologischen Texte schreibt, seine Musik jedoch von Anfang an als politisches Statement verstand. "Aber nicht mit dem Zeigefinger", betont er. "Schon durch den Namen hatten wir den ersten Lacher immer auf unserer Seite, das nimmt den anderen die Munition."

An einem Donnerstagabend, 22.20 Uhr, bahnt sich Ninić den Weg zu seiner Band. Es ist brechend voll im verrauchten Beisl vor der Kleinkunstbühne Kulisse in Wien-Hernals. Spritzer und Schnitzel werden herumgetragen, bald bildet sich ein Kreis, der ausgelassen drauflostanzt. Die Musiker kriegen Schubser ab, stören lassen sie sich davon nicht. Einmal im Monat spielt die Tschuschenkapelle unplugged in der Kulisse, Eintritt frei, Setlist nach Lust und Laune. Das Publikum ist bunter als beim Konzert in der Kleingartensiedlung, 16-Jährige kommen genauso wie ihre Großeltern, Menschen aus dem bürgerlich-liberalen Wien und immer öfter auch Leute, die wie die Bandmitglieder andere Sprachen sprechen. "Unter Gastarbeitern waren wir lange Jahre unbemerkt", sagt Ninić. "Erst viel später haben wir auch in der Ausländerszene Fuß gefasst." Einerseits weil die Band bekannt wurde. Aber auch, so Ninić, "weil die intellektuellere Schicht unter den Ausländern wächst".

Andererseits will sich Ninić mit dem 14. Album der Band, an dem er gerade arbeitet, noch mehr der Kultur seiner neuen Heimat annähern. Auf der Platte soll erstmals ausschließlich Musik aus Österreich zu hören sein. Einzelne Wiener Lieder oder Kärntner Volksweisen werden freilich längst gespielt, "das wird von uns fast schon irgendwie erwartet".

Es mag sein, sagt Slavko Ninić, dass die offiziellen Anlässe, zu denen seine Tschuschenkapelle gern geladen wird, zuweilen nur ein Feigenblatt sind, mit dem eine Multikulturalität vorgegaukelt werden soll, die so gar nicht existiert. Ausgrenzung und Spaltung entlang ethnischer Trennlinien weiten sich gerade wieder aus. Und doch scheint parallel dazu jenes Österreich gewachsen zu sein, das ein Slavko Ninić verkörpert. Zumindest kulturell, das ist seine Beobachtung, sei seine Stadt, Wien, Zug um Zug offener geworden. Dass der Tschusch ein wenig von seinem gehässigen Beigeschmack verloren hat, mag ein Beispiel sein. Slavko Ninić hat jedenfalls dafür gesorgt, dass sich heute das Land mitunter ganz gern mit seinen Tschuschen schmückt.