Entstanden ist sein Ensemble in den achtziger Jahren. Ninić arbeitete in einer Beratungsstelle für Ausländer und begann, mit einem Kollegen aus der Türkei und einem aus Wien die Lieder ihrer jeweiligen Heimat zu spielen. Das kam im Milieu der Intellektuellen und Kulturschaffenden rasch gut an. 1989 wollte es der Soziologe wissen: Lässt sich das auch professionell betreiben? Ein Bandname musste her, und eines Nachts, so die Legende, habe jemand in einem linken Beisl am Naschmarkt gerufen: "Nennts euch doch Tschuschen, weil Tschuschen seids eh!"

Seit fast zehn Jahren stehen neben dem Kroaten Ninić ein Roma, eine Bulgarin, ein Mazedonier und ein Serbe auf der Bühne. Auch in früheren Besetzungen hatten die Berufsmusiker meist Wurzeln in südosteuropäischen Staaten und brachten das Erbe ihrer Herkunftsregion ein. Das Programm reicht von griechischem Rembetiko, Volksliedern aus Slawonien, osmanischen Weisen, Roma-Musik, bosnischer Sevdalinka bis zu Wiener Liedern. Die Interpretation geht über Folklore hinaus, dennoch sagt Ninić: "Die Crossovers habe ich nie mögen. Ein griechisches Lied soll klingen, als wenn das Griechen spielen".

Wenn Ninić über seinen Zugang zur musikalischen Tradition spricht, erklärt er das gern mit Hegels dialektischer Aufhebung. Vom ruralen Slawonien seiner Kindheit erzählt er mit Verweisen auf Filme von Fellini und Bertolucci. In seiner Bücherregalwand reihen sich Werke von Homer bis Bertrand Russell, zwischen Notenblättern liegt die Hausaufgabe für seinen Griechischkurs. Der Kopf der Tschuschen ist ein Intellektueller, der zwar keine ideologischen Texte schreibt, seine Musik jedoch von Anfang an als politisches Statement verstand. "Aber nicht mit dem Zeigefinger", betont er. "Schon durch den Namen hatten wir den ersten Lacher immer auf unserer Seite, das nimmt den anderen die Munition."

An einem Donnerstagabend, 22.20 Uhr, bahnt sich Ninić den Weg zu seiner Band. Es ist brechend voll im verrauchten Beisl vor der Kleinkunstbühne Kulisse in Wien-Hernals. Spritzer und Schnitzel werden herumgetragen, bald bildet sich ein Kreis, der ausgelassen drauflostanzt. Die Musiker kriegen Schubser ab, stören lassen sie sich davon nicht. Einmal im Monat spielt die Tschuschenkapelle unplugged in der Kulisse, Eintritt frei, Setlist nach Lust und Laune. Das Publikum ist bunter als beim Konzert in der Kleingartensiedlung, 16-Jährige kommen genauso wie ihre Großeltern, Menschen aus dem bürgerlich-liberalen Wien und immer öfter auch Leute, die wie die Bandmitglieder andere Sprachen sprechen. "Unter Gastarbeitern waren wir lange Jahre unbemerkt", sagt Ninić. "Erst viel später haben wir auch in der Ausländerszene Fuß gefasst." Einerseits weil die Band bekannt wurde. Aber auch, so Ninić, "weil die intellektuellere Schicht unter den Ausländern wächst".

Andererseits will sich Ninić mit dem 14. Album der Band, an dem er gerade arbeitet, noch mehr der Kultur seiner neuen Heimat annähern. Auf der Platte soll erstmals ausschließlich Musik aus Österreich zu hören sein. Einzelne Wiener Lieder oder Kärntner Volksweisen werden freilich längst gespielt, "das wird von uns fast schon irgendwie erwartet".

Es mag sein, sagt Slavko Ninić, dass die offiziellen Anlässe, zu denen seine Tschuschenkapelle gern geladen wird, zuweilen nur ein Feigenblatt sind, mit dem eine Multikulturalität vorgegaukelt werden soll, die so gar nicht existiert. Ausgrenzung und Spaltung entlang ethnischer Trennlinien weiten sich gerade wieder aus. Und doch scheint parallel dazu jenes Österreich gewachsen zu sein, das ein Slavko Ninić verkörpert. Zumindest kulturell, das ist seine Beobachtung, sei seine Stadt, Wien, Zug um Zug offener geworden. Dass der Tschusch ein wenig von seinem gehässigen Beigeschmack verloren hat, mag ein Beispiel sein. Slavko Ninić hat jedenfalls dafür gesorgt, dass sich heute das Land mitunter ganz gern mit seinen Tschuschen schmückt.