Köln, ein Sonntag im März. Günter Lubitz sitzt im Bürosessel, durchgedrückter Rücken, Hände auf den Knien, Blick geradeaus. Er trägt einen dunklen Nadelstreifenanzug, im Hintergrund ein schwarzer Vorhang. Das Treffen findet auf neutralem Terrain statt, es soll um die Sache gehen: den Tod seines Sohnes, des Co-Piloten Andreas Lubitz, und den Tod 149 weiterer Menschen, die vor zwei Jahren in einer Germanwings-Maschine an einer Bergwand in den südfranzösischen Alpen zerschellt sind.

Zwei Jahre lang hat sich Familie Lubitz aus der Öffentlichkeit herausgehalten. "Wir wollten uns nicht an den Spekulationen beteiligen", sagt Günter Lubitz. Zum ersten Mal gibt er nun ein Interview. Der 63-Jährige ist allein gekommen. Die Frau und den jüngeren Sohn will er schützen vor dem, was da bald kommen könnte.

Beim Flug 4U9525 kamen auch Kinder ums Leben: eine Schulklasse aus Haltern und zwei Babys. Der französische Staatsanwalt Brice Robin sprach zwei Tage nach dem Absturz davon, der Flugkapitän sei aus dem Cockpit ausgesperrt worden, mehrfach habe man auf den Aufnahmen des Flugschreibers sein Klopfen gehört. Für die Ermittler sei die "plausibelste und wahrscheinlichste" Interpretation, "dass sich der Co-Pilot absichtlich weigerte, dem Flugkapitän die Kabinentür zu öffnen". Lubitz habe den Sinkflug eingestellt. "Es gab den Willen, dieses Flugzeug zu zerstören", sagte Robin. In den Medien gilt Andreas Lubitz seitdem als "Fanatiker", als "Massenmörder". Seine Tat: "monströs".

Günter Lubitz glaubt das alles nicht. "Unser Sohn ist nicht der Mensch gewesen, den die Boulevardpresse aus ihm gemacht hat." Er bezweifelt die Version, Andreas habe das Flugzeug mit Absicht in den Berg gesteuert. Für die Familie gibt es "keinen einzigen wirklich stichhaltigen und belastbaren Beleg", dass ihr Sohn "vorsätzlich und geplant" ein schreckliches Verbrechen begangen hat. Zwei Jahre nach der Katastrophe sucht Günter Lubitz daher die Öffentlichkeit. Er will die Wahrheit darüber wissen, was sich damals wirklich ereignet hat. An diesem Freitag wird Günter Lubitz in Berlin vor die Weltpresse treten, während die Angehörigen der Absturzopfer eine Trauerfeier in Frankreich begehen. Er will ein Gutachten präsentieren, das zahlreiche Ungereimtheiten, aber auch Ermittlungsfehler auflistet. "Es gab ganz offensichtlich Dinge, die man gar nicht erst ermittelt hat, vielleicht weil man sie nicht ermitteln wollte", glaubt Lubitz.

16.000 Seiten umfassen die Ermittlungsakten der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft und der "Sonderkommission Alpen". Auf Deutsch, Französisch und Spanisch. Im März 2016 stellte die französische Untersuchungsbehörde BEA ihren Abschlussbericht vor, im Dezember 2016 die Staatsanwaltschaft. "Diese Akte zu prüfen und zu verstehen braucht einige Zeit", sagt Günter Lubitz. "Jetzt haben wir erstmals Ergebnisse, und deswegen werden wir uns jetzt auch dazu äußern."

Am 26. März 2015, zwei Tage nach dem Absturz, frühmorgens, stand die Polizei vor der Tür der Familie Lubitz in Montabaur. Günter Lubitz, seine Frau und ihr zweiter Sohn wurden abgeschirmt und später an einen sicheren Ort gebracht, weg von den Reportern, die nun in das rheinland-pfälzische Städtchen einfielen. Wochenlang kampierte die Presse vor dem Haus, TV-Teams aus Spanien, Japan, den USA.

Krisenspezialisten der Lufthansa und der Polizei rieten der Familie, auf keinen Fall die Nachrichten zu verfolgen. Als die Polizei noch am selben Abend das frühere Kinderzimmer von Andreas Lubitz durchsuchte, geriet auch Günter Lubitz ins Rampenlicht. Die Kameras klickten. Er schwieg. Später wurden Durchsuchungsfotos an die Presse durchgestochen, darauf zu sehen: das Schlafzimmer des 27-Jährigen und seiner Freundin in Düsseldorf. Erst 14 Tage später kehrte Familie Lubitz in ihr Einfamilienhaus zurück. Sie lasen rückwirkend, was geschrieben worden war. Und sie begannen, sich gegen einige Berichte juristisch zu wehren. "Der Grund war fast immer die eklatante Verletzung der Privat- und Intimsphäre", sagt Günter Lubitz. Sie galten als Eltern des Täters. Sie waren aber auch Opfer, denen kaum Raum zum Trauern gegönnt wurde.

Kurz nach der Beerdigung von Andreas Lubitz gelangte ein Reporter auf den Friedhof. Er fotografierte das Grab: Kränze, die letzte Widmung der Familie. Bild veröffentlichte das Foto. Kurze Zeit später setzte jemand das Grab in Brand. Der Brandstifter wurde nie gefunden. Das Kammergericht Berlin untersagte den Abdruck des Fotos schließlich, mit der Begründung, die Berichterstattung stelle "einen schwerwiegenden Eingriff in die Persönlichkeitsrechte" der Kläger dar. Der Springer-Verlag hat Nichtzulassungsbeschwerde eingelegt. Über die Frage von Pietät, Persönlichkeitsrecht und Grenzen der Pressefreiheit muss nun der Bundesgerichtshof entscheiden.

Günter Lubitz hat lange überlegt, ob er mit der ZEIT sprechen soll. Mehrmals stand das Treffen auf der Kippe, besonders nachdem im Februar zwei Journalisten nahe dem Haus waren und danach behauptet hatten, die Familie habe sich erstmals öffentlich geäußert. Diese aus dem Zusammenhang gerissene "Äußerung" stammte aus einem Antwortschreiben, mit dem Günter Lubitz schon im November 2016 auf die Bitte um ein Interview reagiert hatte. Lubitz, technischer Leiter bei einem Schweizer Glasflaschenhersteller, fasst die Dinge jetzt mit äußerster Vorsicht an. Er ist misstrauisch. Und verunsichert. Als seine Familie im April 2016 eine Traueranzeige in der Westerwälder Zeitung schaltete, um Abschied von einem "liebenswerten und wertvollen Menschen" zu nehmen, waren die Angehörigen der Absturzopfer empört. Ein Vater, der ebenfalls einen Sohn verloren hatte, sprach von "Ignoranz und Pietätlosigkeit".