Wenn sich die anderen Hinterbliebenen treffen, ist Familie Lubitz außen vor. So wie im März 2016 in Paris, als der Abschlussbericht der französischen Untersuchungsbehörde BEA vorgestellt wurde. In einer geschlossenen Veranstaltung war ein Video, auch mit Auszügen aus den Stimmenrekorder-Aufzeichnungen, gezeigt worden. Die Angehörigen der Opfer waren eingeladen worden. Alle – bis auf die Familie des Co-Piloten. Seit zwei Jahren bemüht sich Familie Lubitz, die Aufnahmen zu hören. Sie möchten die letzten Worte von Andreas hören.

Es geht auch darum, die letzten Stunden nachvollziehen zu können, vor allem die letzten 30 Minuten. Von den Aufnahmen im Cockpit sind der Familie vier unterschiedliche Abschriften bekannt. Laut BEA-Abschlussbericht hat Andreas Lubitz in den letzten elf Minuten nichts mehr gesagt. In den ersten Tagen hätten nicht Menschen, sondern Spracherkennungscomputer der Polizei die Transkripte erstellt. "Es ist aber doch entscheidend, wie – mit welchem Tonfall, welcher Tonfärbung – jemand etwas sagt", findet Lubitz. Das könnten neben ausgebildeten Experten am besten jene Menschen beurteilen, die eine Person gekannt haben.

Experte van Beveren habe herausgefunden: Der Stimmenrekorder ist lediglich von Ingenieuren abgehört worden – nie von einem psychologisch Geschulten, einem sogenannten Human-Factor-Spezialisten, wie es die Internationale Zivilluftorganisation ICAO vorschreibt. Dabei gibt es gerade auch bei der deutschen Flugunfallbehörde BFU einen fest angestellten Human-Factor-Spezialisten, der sogar eine Studie über das Suizidverhalten bei Piloten verfasst hat. "Da liegt es doch auf der Hand, dass wir gerne dessen Einschätzung erfahren möchten", sagt Günter Lubitz. Er bat die Behörde, diesen Mitarbeiter hinzuzubitten, wenn seine Familie die Bänder abhören darf. Doch der stellvertretende Behördenleiter, Johann Reuß, ließ mitteilen: Nicht die Familie Lubitz entscheide, "welcher Untersucher" sie beim Abhören des Cockpit-Voice-Recorders "gegebenenfalls begleiten würde", sondern die BFU. Reuß bot an, Lubitz könne von einem der zwei externen Gutachter begleitet werden, die für die BFU in die Expertengruppe entsandt worden waren. Günter Lubitz findet es "extrem irritierend und nicht nachvollziehbar", dass die BFU "lieber kostenpflichtig externe Expertise hinzuzieht, als erst einmal den hauseigenen Fachmann zu involvieren". Dieser Mann war nur einen Tag an der Untersuchung beteiligt.

Im Oktober lud Behördenvize Reuß die Familie Lubitz dann zum Treffen nach Braunschweig ein. Er wollte mit ihnen das BFU-Transkript des Stimmenrekorders durchgehen. Als sie nach dem Human-Factor-Spezialisten des Hauses fragten, erklärte Reuß, der Kollege sei nicht im Hause und sei auch nicht an der Germanwings-Untersuchung beteiligt gewesen. Im Nachhinein fand die Familie heraus: Der Human-Factor-Spezialist war sehr wohl anwesend gewesen, nicht weit von dem Raum entfernt, in dem sie saßen. Hinzu kommt, dass laut Gutachter keiner der beteiligten deutschen Flugunfalluntersucher eine Fluglizenz hat – und damit auch kein deutschsprachiger Pilot beteiligt war. "Das ist, als ob eine Person ohne Führerschein und Fahrpraxis einen komplexen Autounfall untersucht", findet Tim van Beveren.

Günter Lubitz will neue, umfassendere Ermittlungen erzwingen. Das seien sie auch denjenigen schuldig, die beim Absturz ihr Leben verloren haben, "und deren Angehörigen". In Marseille laufen die Ermittlungen noch. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es doch noch zu Strafverfahren kommt. Vielleicht lässt sich Andreas Lubitz ja rehabilitieren. Und wenn nicht – dann hätte die Familie Lubitz zumindest Gewissheit. Aber erst einmal hat Günter Lubitz in Berlin zu tun. Das große Podium, die Kameras, die Interviewfragen. Doch diesmal wird die Familie reden.