Die Sievekingsallee: Wohnquader, Tankstellen, Autobahnzubringer, eine Straße zum Abhauen. Sie verbindet Hohenfelde mit dem weiter östlich liegenden Horn, wo Alan Julian Asare-Tawiah herkommt, 1989 geboren. Aus den Vornamen wurde Ahzumjot. In Hohenfelde lebt sein Kollege Maxwell Kwabena, Jahrgang 1993. Beide haben afrikanische Wurzeln und veröffentlichen dieser Tage neue Alben. Und die könnten innerhalb des Genres kaum gegensätzlicher sein.

Maxwell wuchs in einer betreuten Jugendwohnung auf, die Mutter war psychisch krank. Hat das seinen sozialen Kompass so verwirrt, dass er heute Splatter-Texte schreibt? In Kohldampf, das am 24. März erscheint, bedient er sich mit zornigem Bellen aus dem Fundus des Gangsta-Rap: Drogen, Schusswaffen, Frauen sind Sachwerte, die Nummer.

Der Künstler gehört zum Hamburger Rapkombinat 187 Straßenbande, dessen Stars, Gzuz und Bonez MC, wirken auf einigen Tracks als Gäste mit. Bonez MC ist mittlerweile 32 und verschafft Maxwell mit Humor etwas Abstand zum Genre, er liefert Aperçus wie "Ich komm’ ins Geschäft und schieße / aber disse keine Rapper ,/ Mann, halt besser deine Fresse, / vielleicht trifft man sich beim Bäcker".

Auch Produzent Jambeatz von 187 Straßenbande sorgt für versöhnliche Töne: Auf Stress mit mir droht Maxwell anderen zwar eine "Gesichtsdisko" an, getragen wird das Stück aber von fröhlichen lateinamerikanischen Rhythmen. Maxwell verabschiedet sich auf dieser Platte mit PLZ, einer Miniatur über sein Viertel – Jambeatz hat dafür einen lässigen Groove gebaut, einschließlich Keyboardgeschmurgel, vielleicht eine Reverenz an den weich gepolsterten Westküsten-Rap der Neunziger. Fazit: Paar aufs Maul, aber aufseiten des Künstlers mit Augenzwinkern.

Auch Ahzumjot: sogenanntes Problemkind, Scheidungsfamilie, der Vater Alkoholiker. Doch das Ergebnis klingt anders. Das Album Luft & Liebe ist eine Serie aus biografischen Prosa-Miniaturen, der Gesang klingt hell und glatt, die Arrangements sind durchlässig und schillernd. "Ich habe mich schon am Gymnasium als Künstler aufgefasst und viel gemalt und gezeichnet", sagt er. "Musik schreibe ich, seit ich 15 bin, das Abi habe ich eigentlich nur für meine Mutter gemacht. Fürs Sprachgefühl ist es aber ganz nützlich."

Stimmt: Im Titelsong Luft & Liebe gibt es rhetorische Perlen wie "Hab’ meine Ideale verkauft für den halben Preis, zurückgekauft für den dreifachen" über energisch stolpernden Beats. Überhaupt zeigt sich Ahzumjot als Botschafter der Innerlichkeit – zu grüblerischen Akkorden wandert er in Gut in der Nacht durch die Dunkelheit und bewegt sich "synchron zu dem Rascheln des Windes".

Ein bisschen Gangsta muss dennoch sein, die Koketterie mit der inszenierten Härte, dem Trash. So erinnern die Synthie-Motive auf Fuccbois an die fröhliche Monotonie von Computerspielen.

Im Wettbewerb um Aufmerksamkeit, der im Rap immer auch ein Spiel mit Kränkungen und Herabsetzungen ist, ist Ahzumjot durchaus satisfaktionsfähig: "Gehated werde ich täglich", heißt es im Song Limbo. Schönster Vers: "Mir geh’n die Ficks zum Geben aus", eine Variation der amerikanischen Wendung to give a fuck – einen Scheiß drauf geben. Manchmal ist das beste Konfliktmanagement, erst gar keines zu haben.