Es war die größte Landtagswahl der Welt. Über zweihundert Millionen Einwohner zählt der nordindische Bundesstaat Uttar Pradesch, der in diesem Februar und März in einer mehrwöchigen Abstimmung ein neues Parlament gewählt hat. Am Ende stand ein Triumph der Partei des indischen Premierministers Narendra Modi. Jetzt hat Modis siegreiche BJP ("Indische Volkspartei") in Uttar Pradesch den neuen Regierungschef eingesetzt: den Priester eines Hindu-Tempels, der bisher vor allem durch feindselige Äußerungen über Muslime aufgefallen ist. Wenn diese indische Region ein selbstständiger Staat wäre, würde Yogi Adityanath nun das siebtgrößte Land auf dem Globus regieren.

Der Hindu-Nationalismus, den Indiens Premier Modi vertritt, ist in unseren ideologischen Koordinaten schwer zu verorten. Er will, anders als der Islamismus, nicht Politik und Leben komplett dem Glauben und dem Diktat einer heiligen Schrift unterwerfen, er ist insofern nicht fundamentalistisch. Dennoch ist Indien aus der Sicht der BJP in erster Linie das Land der Hindus und des Hinduismus; Religion und Kultur der Mehrheit sollen den Ton angeben – und die Minderheiten, vor allem die rund 170 Millionen indischen Muslime, haben sich anzupassen. Die BJP würde nie sagen, dass die Muslime keine vollwertigen, mit allen Rechten ausgestatteten Bürger seien. Aber sie vermittelt trotzdem permanent den Eindruck, dass der Islam nicht wirklich zu Indien gehört.

Das Erfolgsrezept der BJP seit Narendra Modis Wahl zum Premierminister im Frühjahr 2014 ist die Verbindung dieser schillernden Ideologie mit der Rhetorik nationaler Einigung und Erneuerung. Modi hat es geschafft, die Geringschätzung seiner Partei für die Befindlichkeiten der Muslime nicht als Respektlosigkeit gegenüber einer Minderheit darzustellen, sondern als Ausdruck eines integrierenden, vorwärts blickenden Patriotismus: Ich kenne keine Religionen mehr, ich kenne nur noch Inder. Indien, meint der Premier, brauche Straßen, Kraftwerke, Fabriken, eine starke Armee – das sei das gemeinsame Interesse von Hindus und Muslimen, und eine große Kraftanstrengung gegen die Unterentwicklung sei das beste Heilmittel gegen die inneren Konflikte des Landes.

Es ist dieses Versprechen von Dynamik und Fortschritt, das Modi populär macht: bei der städtischen Mittelschicht, die vom kräftigen Wirtschaftswachstum profitiert, ebenso wie bei vielen Armen, die ungeduldig und hoffnungsvoll auf ihren Anteil an den Früchten der Entwicklung warten. Der überwältigende Sieg in der Mega-Landtagswahl von Uttar Pradesch belegt die ungebrochene, sogar noch zunehmende Attraktivität von Modis Person und Programm. Er hat eine politische Marke etabliert, die auf dem Macht- und Ideenmarkt im Land derzeit ohne Konkurrenz ist. Seit Jahrzehnten, seit der Ermordung der damaligen Premierministerin Indira Gandhi 1984, gab es in Indien keine so dominierende öffentliche Figur mehr.

Zugleich jedoch zeigt die Auswahl des neuen regionalen Regierungschefs in Uttar Pradesch in schockierender Klarheit, dass man den schönen Worten über Entwicklung und Fortschritt nicht trauen kann. Der frisch gewählte "Chief Minister" Yogi Adityanath besitzt nicht nur keine exekutive oder administrative Erfahrung, er ist vielmehr ein ausgesprochener religionspolitischer Scharfmacher. Adityanath hat die Paranoia über muslimische Männer geschürt, die angeblich junge Hindu-Frauen zur Ehe und zum Glaubenswechsel verleiten würden, und er hat den (muslimischen) Bollywood-Filmstar Shah Rukh Khan in die Nähe des pakistanischen Terror-Paten Hafiz Saeed gerückt, eines der schlimmsten Staatsfeinde Indiens. Das ist genau die Politik der Unduldsamkeit und der Anschwärzung als "vaterlandslose Gesellen", vor der sich die indischen Muslime fürchten.

Es ist nicht klar, wie viel Sympathie Premierminister Modi persönlich für solche Ausfälle empfindet – oder ob er sie nur aus taktischen Gründen duldet, um die Radikalen in den eigenen Reihen bei Laune zu halten. Klar jedoch ist die Gefahr, die diese Intoleranz für Indiens pluralistische Gesellschaft darstellt.

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